Facebooks Datensammlung ist nicht nur für Marketingzwecke interessant - sie kann auch für die Prognose politischer Meinungsumschwünge oder die Vorhersage von Verbrechen genutzt werden.
"Aber selbst was die unwichtigsten Kleinigkeiten angeht sind wir nicht etwa eine festgefügte Einheit, identisch für alle, etwas, das jedermann einsehen kann wie ein Lastenheft oder ein Testament; unsere soziale Persönlichkeit ist eine geistige Schöpfung der anderen."
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Soziales Netzwerk Facebook: Mit einer Datenbank von einem Petabyte am Puls der Zeit. (© dpa)
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So heißt es in Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", und so galt es, bis wir vor einigen Jahren freiwillig damit begonnen haben, dieses Lastenheft dann doch anzulegen, wie es der in England lehrende italienische Philosoph Luciano Floridi umschreibt.
Für ihn bietet Facebook im besten Falle "eine einzigartige Gelegenheit die Kontrolle über unsere soziale Identität" zu übernehmen. Unser epistemologisches Ich, also unser Bild von uns selbst, so Floridi, wirke schließlich stets auch auf unser ontologisches Ich, unsere "wahre" Identität zurück. Wir schreiben unser Lastenheft selbst.
Dann allerdings überreichen wir es feierlich Mark Zuckerberg, und wünschen eine vergnügliche Lektüre. Es ist ein kaum auflösbares Dilemma, dass der Vorgang der Selbstvergewisserung, der Hunderten Millionen Menschen so unverzichtbar geworden ist, untrennbar verbunden scheint mit der Selbstaufgabe, die darin besteht, dass wir uns und unsere sozialen Kontakte freiwillig in ein Unternehmensvermögen überführen.
Dass der Firma Facebook nun ein Milliardenwert zugerechnet wird, der nicht nur größer ist als der von Yahoo oder Ebay, sondern auch als der von Großkonzernen der alten Ökonomie wie BMW, ist vor allem ein Ergebnis von Erwartungen, die daran geknüpft sind, was digitale soziale Netzwerke mit den ihnen anvertrauten Identitäten vielleicht einmal zu tun in der Lage sein werden. Die Investoren setzen darauf, dass bei Facebook nach der rasanten Aufbauphase nun eher früher als später die Erntesaison beginnen muss.
Auswertung der Interaktion
Das Produkt von Facebook ist dabei natürlich nicht die Dienstleistung, die die Nutzer auf der Seite in Anspruch nehmen. Das Produkt sind (angeblich mittlerweile) 600 Millionen Menschen und ihre Kontakte zueinander.
Und der Schlüssel zum Erfolg wird für Zuckerberg anders als für Google wohl nicht allein im Verkauf von Anzeigen liegen, so wunderbar zielgerichtet sie bei Facebook auch eingesetzt werden können. Der IT-Branchen-Blog Business Insider weist auf Aussagen Zuckerbergs hin, nach denen das Rezept der in Form einer Umsatzbeteiligung kostenpflichtige Zugang ausgewählter anderer Anbieter zu diesen Nutzern wäre, basierend auf einer präzisen Auswertung von deren Interaktion.
Seit Monaten tingelt Jonathan Chang, der in der Datenforschungsabteilung von Facebook arbeitet, mit der Botschaft über wissenschaftliche Kongresse, dass Facebook die größte Datenbank angelegt habe - mehr als ein Petabyte - die der Sozialforschung je zur Verfügung gestanden habe.
Der amerikanische Philosophieprofessor Anthony F. Beavers zitiert Chang mit den Worten: "Ist es nicht cool, dass wir die politischen Neigungen jedes Einzelnen in unserem Datensatz von 500 Millionen Personen kennen?" Nun, das Wort "kennen" führt vielleicht etwas zu weit, aber zumindest kann sich Facebook dazu wohl bei jedem Nutzer eine begründete Vorhersage zutrauen.
Über Schlüsselworte in den Statusmeldungen, über die Vernetzung mit anderen Nutzern, deren politische Einstellungen bekannt sind, und die Identifikation von Meinungsführern lassen sich Muster erkennen und statistisch begründbar Annahmen treffen. Und in der Auswertung ist Changs Forschungsabteilung gewieft. So hat sie nach eigenen Angaben einen Algorithmus entwickelt, der zuverlässig den Aufenthaltsort eines Nutzers vorhersagen, und dabei jeden IP-basierten Ortungsdienst hinter sich lassen soll.
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Wirbel um Obama-Biographie
Facebook ist Mielkes feuchter Traum.
600 Mio Menschen lassen bereitwillig die Hosen herunter und geben ihr gesamtes Innenleben preis. Im Großen und Ganzen ist es sicherlich eine riesige Masturbationsveranstaltung, in der einzelne "Individuen" aus postmodernen Versatzstücken ihre "Persönlichkeiten" bauen und sich daran erfreuen, dass sie wieder einen Avatar gefunden haben, den man nicht auf den ersten Blick entschlüsseln kann.
Die Konsequenz ist aber, dass man durch Facebook in der Lage ist noch nie gekannte Möglichkeiten der Ausforschung zu betreiben. Name, Email, Geburtsdatum, Beziehungsstatus, Bikini-Bilder, Freundeslisten, Hobbies, Urlaubsziele,... und alles schön auf einer Seite kostengünstig von den Nutzern zur Verfügung gestellt.
Jetzt ist es sicher so, dass dies vor allem die Nutzer Facebooks betrifft. Auch die Verweigerer sind aber insofern betroffen, dass einige ****** ihr gesamtes Adressbuch von Facebook auswerten lassen und allen Nicht-Mitgliedern "Einladungen" schicken. Allein durch diese Daten hat Facebook Name, Email-Adresse und ein Persönlichkeitsprofil der Nicht-Mitglieder erstellt, da man aus den Persönlichkeiten der Bekannten natürlich auch auf die Persönlichkeit des Verbindungsstückes schließen kann.
Und die Deutschen gründen eine Facebook-Gruppe gegen Streetview...
Aber kritische Berichterstattung ist in der SZ wohl nicht mehr zu erwarten.