Experiment mit Facebook-Likes Das mag ich alles

Ein Publizist hat zwei Tage lang auf Facebook alles, was ihm begegnete, mit einem "Like" versehen - und eine Schwäche des Systems entlarvt. Meldungen, die das Weltbild des Nutzers stören, dringen nicht mehr durch.

Von Johannes Boie

Zu sagen: "Das mag ich" hatte auch schon mal eine andere Bedeutung. Zumal auf Englisch: "I like", das kommt keinem mehr über die Lippen, ohne dass er dabei an Facebook dächte, an den blauen, nach oben gereckten Daumen, mit dem man sich auf Facebook der Welt und der großen Maschine, die hinter dem Social-Media-Giganten steckt, mitteilen kann: Dieses Ding hier, diesen Artikel, diesen Song, diese drei Zeilen meines Freundes, diese Fotos von meinem Neffen, diesen Tweet meines Bruders, diese Nachrichtenseite mag ich.

Fortan sind es unter anderem diese "Likes", die auf Facebook darüber bestimmen, welche Nachrichten ein Nutzer auf Facebook zu sehen bekommt. Und natürlich auch, welche er nicht zu sehen bekommt. Fast eine Milliarde Menschen auf der Welt halten sich regelmäßig über Facebook auf dem Laufenden. Für sie formt dieser Sortiermechanismus ihr Weltbild, er schafft das Narrativ unserer Zeit. Es handelt sich also um eine Erfindung, die einen zweiten Blick verdient.

Hält Facebook Menschen in ihrer eigenen Blase?

Um sie besser zu verstehen, hat sich der amerikanische Publizist Mat Honan für eine Methode entschieden, die unter Geeks und Nerds als Klassiker gilt: Er hat das System überfüttert, um dessen Mechanismus zu entlarven. Honan gab für 48 Stunden allem, was ihm auf Facebook begegnete, ein "Like", einschließlich dem Bild vom verletzten Baby einer Freundin. Nur für einen Todesfall machte er eine Ausnahme. Zunächst stieß Honan auf praktische Probleme. Für jedes "Like", das er auf einen Vorschlag von Facebook vergab, schlägt Facebook eine neue Möglichkeit vor: Wer Jay-Z mag, mag auch Kanye West. Weil das "Liken" hier unendlich geworden wäre, beschränkte sich Honan an dieser Stelle auf zwei Runden. Nichtsdestotrotz vergab er in 48 Stunden mehr als tausend Likes.

Das System offenbarte seine Schwächen. Relativ schnell verschwanden die Nachrichten und Mitteilungen seiner Freunde aus seiner Startseite, stattdessen überwogen Nachrichten von Marken und Nachrichtenseiten. Damit bewahrheitete sich, was Facebook kürzlich öffentlich erklärte: Professionelle Nachrichten übertrumpfen private News. Doch das klappte nur kurz, denn von den "Nachrichtenseiten" waren es die Klatsch- und Tratschmeldungen, die Honan erreichten.

Als er zum ersten Mal eine politische Meldung favorisierte, kippte sein gesamtes Profil in eine stramm rechte Richtung, weil er den Trend mit jedem weiteren Like bestätigte. Als er anfing, linke News zu liken, kippte die Balance ins andere Extrem. Für Honan ist das der Beweis, dass Facebook Menschen in ihrer eigenen Blase hält - Meldungen, die das eigene Weltbild stören, dringen nicht mehr durch. Honan brach das Experiment ab, als sich seine Freunde beklagten, dass er auf ihren Facebook-Seiten mit seinem irrationalen Verhalten alle anderen Themen unterdrücke. Das mochte er dann ausnahmsweise gar nicht.