Wikileaks nach der Festnahme von Assange Die Erben

Programmierer, Philosoph, Geldbeschaffer: Noch ist Assange kaum zu ersetzen bei Wikileaks, doch er hat bereits begonnen, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen.

Von Janek Schmidt

Mit der Nachricht wollte Julian Assange seine Stärke demonstrieren. Doch zugleich ließ der Wikileaks-Chef durchblicken, wie verwundbar seine Internetplattform in Wirklichkeit ist.

"Ich bin Herz und Seele dieser Organisation, dessen Gründer, Philosoph, Sprecher, erster Programmierer, Organisator, Geldgeber und noch alles weitere", schrieb er vor wenigen Monaten an einen internen Kritiker und fügte an: "Wenn du ein Problem mit mir hast, dann verpiss dich." Nachdem Assange am Dienstag verhaftet wurde, fragen sich nun viele Beobachter, wie stark Wikileaks ohne seinen streitbaren Anführer ist.

Unterstützer des Internet-Aktivisten verweisen darauf, dass Assange bald gegen eine Kaution von mehr als 200.000 Euro freikommen und bis dahin auch in der Untersuchungshaft arbeiten könnte.

Um sich zudem vor möglichen Repressalien zu schützen, sagte Assange in einem Internet-Chat am Freitag mit dem Guardian, er habe eine Datei mit dem Namen "insurance.aes256" ins Netz gestellt, welche die diplomatischen Telegramme "und zusätzliches wichtiges Material aus den USA und weiteren Ländern" enthalte.

Mehr als 100.000 Menschen hätten diese Versicherungsdatei, die mit einem besonders sicheren 256-Bit-Code verschlüsselt ist, bereits auf ihren Computern gespeichert. Falls ihm etwas passiere, drohte Assange, würde der Code zur Entschlüsselung automatisch veröffentlicht.

Auch die Struktur der eigenen Organisation begann Assange bereits vor mehreren Wochen umzubauen. So sagte er dem SZ-Magazin im November, dass er vier unabhängige Wikileaks-Abteilungen gründen wolle: für Informantenschutz, Dokumentenprüfung, Finanzen und Öffentlichkeitsarbeit sowie eine Einheit für die Aufbewahrung unveröffentlichter Papiere.

Rechte Hand aus Island

Mit einer solchen Struktur können leichter neue Aktivisten integriert werden, ohne dass sie sofort Zugang zu allen Passwörtern erhalten. Außerdem haben einzelne Mitarbeiter nur Einblick in einen bestimmten Bereich und können nach einem möglichen Ausstieg weniger preisgeben.

Eine solche Struktur stützt jedoch die Vermutung vieler Kritiker, dass außer Assange niemand komplett weiß, was bei Wikileaks läuft. Der frühere Sprecher der Plattform zum Beispiel, Daniel Domscheit-Berg, verließ die Gruppe im September im Streit über die Veröffentlichung von Irak-Papieren, die intern nicht abgesprochen war. Sein Nachfolger ist der isländische Journalist Kristinn Hrafnsson, den einige für die Nummer zwei hinter Assange halten.

Dafür spricht, dass Hrafnsson bereits vor mehreren Monaten von Assange zu Recherchen in den Irak entsandt wurde und damit eine wichtige Aufgabe für Wikileaks übernahm.

Zudem saß er bei der Präsentation der Irak-Papiere Ende Oktober in London als einziger Wikileaks-Vertreter neben Assange auf dem Podium und schien dort auch im Umgang mit weiteren Aktivisten klare Autorität zu genießen. Doch Hrafnsson fehlt das Informatiker-Wissen, das Assange auszeichnet.

Zudem ist er öffentlich so unbekannt, dass ihn einige Medien wegen seines Vornamens noch immer für eine Frau halten und ihn als "Sprecherin" zitieren. Somit steckt wohl weniger ehrliche Analyse als Trotz hinter der Botschaft, die Wikileaks am Dienstag per Twitter verkündete:"Die heutige Aktion gegen unseren Chefredakteur Julian Assange wird unsere Arbeit nicht beeinträchtigen."

Zahlungsfluss gestoppt

Bereits beschädigt ist indes das Spendensystem der Gruppe. So teilte das Kreditkartenunternehmen Visa am Dienstag mit, dass es die Zahlungsabwicklung für Wikileaks eingestellt habe.

Zuvor hatten schon Master Card sowie der Online-Bezahldienst PayPal ihre Dienste für Wikileaks unterbrochen.Allerdings gab die Wau Holland Stiftung bekannt, die einen Großteil der Zahlungen an Wikileaks verwaltet, es sei weiterhin möglich, an die Organisation zu spenden - etwa per Banküberweisung. Demnach sind in den vergangenen 13 Monaten etwa 800.000 Euro bei der Stiftung eingegangen.

Wikileaks bezahlt seit einigen Monaten zehn der insgesamt 800 Mitarbeiter, die zuvor alle ehrenamtlich für die Organisation gearbeitet hatten. Somit dürfte der einstige Finanzbedarf von 150.000 Euro im Jahr deutlich gestiegen sein. Wie heikel dabei die Zusammenarbeit für Banken sein kann, erfährt derzeit der Finanzdienstleister der Schweizer Post, Postfinance. .

Erst am Montag hatte Postfinance ein Konto, über das bislang Spenden für Wikileaks im Internet liefen, geschlossen. Am Dienstag war die Internetseite von Postfinance dann schwer überlastet - offenbar hatten Hacker den Dienstleister angegriffen.

Lesen Sie hierzu Berichte in der Süddeutschen Zeitung.