Verbotsdebatte zu Facebook-Partys Irre, dieses Internet

Muss der Staat Facebook-Partys verbieten? Urplötzlich steht diese völlig unnötige Frage im Raum - aufgeworfen von Menschen, die offensichtlich das Internet nicht verstehen wollen. Wieso Feierexzesse sehr wenig mit dem Netz zu tun haben, wie die Republik unter dem Niveau digitaler Debatten leidet:

Von Stefan Plöchinger

Über Integrationsverweigerer hat sich die Republik in den vergangenen Jahren die Zunge stumpf geredet, aber wahrscheinlich hat Deutschland ein größeres Problem - Immigrationsverweigerer.

Wer weiß, was Digital Natives oder Digital Immigrants sind, kann diesen Absatz überspringen. Die anderen sollten jetzt schnell Wikipedia befragen: hier. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings hoch, dass Wikipedia in dieser Gruppe keinen guten Ruf besitzt, ebenso wenig dieses Facebook, von dem man jetzt so viel Schlimmes hört.

Wer sich der Immigration in die digitale Welt verweigert, dürfte in diesen Tagen angewidert die Debatte über Facebook-Partys verfolgen. Exzesse, Randale, saufende und prügelnde Jugendliche - das ist der Stoff, aus dem Politiker und Medien an nachrichtenarmen Sonntagen Themen saugen. Man konnte Wetten darauf abschließen, wann die Überschrift zu lesen sein würde: "Innenminister fordern Verbot von Facebook-Partys". An diesem Sonntag war es soweit: hier.

Dass natürlich kein Totalverbot all jener Feierlichkeiten und Orgien gefordert wurde, zu denen Menschen auf Facebook einladen - wie auch soll das gehen? -; dass da nicht mal ein neues Gesetz gefordert wurde, sondern völlig legitim die Anwendung bestehender; dass einer der Minister sogar von einem "Bestandteil der Jugendkultur" spricht: geht unter. Für viele Digital Natives und Immigrants ist das ein Ärgernis, was man hier nachlesen kann, aber um sie geht es leider nicht. Ziel ist vielmehr eine Verknappung der Debatte, die allerlei störende Gedanken ausblendet. Zum Beispiel jenen, dass das alles womöglich kein Facebook-Phänomen ist.

Dass sich Menschen unter 30 gelegentlich ein Recht auf Rausch ertrotzen und sich dabei von keinem über 30 etwas sagen lassen wollen, haben die Beastie Boys vor Jahrzehnten in einer Hymne verewigt: "Fight for your right to party". 2011 wird dieser Kampf natürlich im Internet mit ausgetragen, "diesem" Internet, wie es jene Menschen nennen, die nicht so viel davon verstehen. (Sonja Schünemann, die an Wahlabenden im ZDF immer die Stimmung der jungen Leute in diesem Internet erklären muss, hat übrigens den schön ironischen Twitternamen @indiesemNetz, was aber nur wenige Immigrationsverweigerer je erfahren werden.)

Was vor ebenfalls Jahrzehnten illegale Tunnel-Partys in der Münchner Schotterebene waren oder illegale Hinterhof-Discos in Berlin, heißt bei Jugendkulturkritikern heute illegaler Flashmob oder illegale Facebook-Party und muss von eben jenen Kritikern oft erst mal gegoogelt werden, bevor sie die Begriffe verstehen. Hier und hier.

Spaß ist, was Bier draus macht

Allerdings ist eine elterlich-verängstigte Phänomenbetrachtung immer bequemer und wird meist der Tiefenbeschäftigung mit dem Unverständlichen vorgezogen. Das gilt generell, und in diesem Internet im Besonderen, da ein Elektrozaun zu überwinden ist, und nochmals mehr in diesem Facebook, da das alte Konstrukt der Freundschaft dort in eine digitalisierte Ausprägung überführt und gleichzeitig auf Saufbildchen und Daumen-hoch-Drücken reduziert wird. Letzteres zumindest das Klischee eben jener verängstigten Eltern, die den alten Limonadenwerbespruch "Spaß ist, was Ihr draus macht" naturgemäß furchtvoll immer eher so umgedeutet haben: "Spaß ist, was Bier draus macht."

Ob sich nun die angeblich saufenden Horden per Telefon, Twitter, Facebook oder Schulhoftratsch zum Massenumtrunk verabreden, ist vor allem eine organisatorische Frage.

Wären spontane Menschenansammlungen zu spaßigen Zwecken generell ein Problem, dürfte keiner über lustige Aktionen wie diese hier bei Angela Merkels Wahlkampf in Hamburg lachen, und am Münchner Gärtnerplatz müsste die Polizei jeden Sommerabend Sarkozy-inspiriert mit dem Kärcher durchblasen. Auf derlei Ideen käme hoffentlich niemand, und wenn man sich hinter der spitzen Überschrift die Zitate der Innenminister genau durchliest, dann wollen sie nicht Facebook-Partys verbieten, sondern nur die Exzesse. Sollen sie froh sein über diese Kontrollplattform! Wenn jetzt 16-Jährige anfangen, wie früher komplett analog ihre Exzesse zu planen, kriegt das die Polizei nur noch mit, wenn ein verdeckter Polizistensohnermittler anwesend ist. Wer heute die ganze Macht der ja längst existierenden Gesetze gegen Feiernde, Pöbler, Wasauchimmer einsetzen will, hat es dank des Flashmob-Warnsystems namens Social Media so leicht wie nie.

Das Drama machen sich die Medien selbst

Restlos absurd wird es, wenn wie neulich mehrfach geschehen On- und Offline-Medien solange vorab über einen drohenden Facebook-Partyexzess berichten, bis der Hype und folglich die Katastrophe unweigerlich eintritt; wenn sich ein Düsseldorfer beklagen muss, dass Behörden gegen ein friedliches "Grill and Chill" am Rheinufer vorgehen; wenn sich in Wuppertal Hooligans unter Feiernde mischen und am Ende Facebook mitschuldig sein soll; wenn in der gleichen Stadt nach einem ersten Verbot plötzlich bloß acht Feierwillige hundert Polizisten gegenüberstehen.

Alarmismus ist kein neues Phänomen in unserer Nachrichtenindustrie, und eine polarisierende Debatte ist besser als keine - nur wird über digital-soziale Streitthemen manchmal so platt gesprochen, dass man einigen Diskutanten raten möchte, selbst eine dieser Facebook-Partys zu besuchen, von denen man jetzt so viel hört.

Die Digital Natives sollen dort meistens ganz menschlich sein.

Linktipp: Ab nach draußen! Wie ausgerechnet das Internet eine Renaissance des öffentlichen Lebens befeuert (Zeit Online)

Der Autor ist selbst auf Facebook zu finden und twittert unter @ploechinger.