Datenschutz Privatsphäre kostet extra

Wer nicht zahlt, wird überwacht: Der US-Netzbetreiber AT&T speichert alles, was seine Kunden im Internet tun - wenn sie nicht für die Löschung bezahlen. Auch in Deutschland bitten Internet-Provider für Selbstverständlichkeiten zur Kasse.

Von Johannes Boie

Das Recht auf Privatsphäre ist ein Menschenrecht, das in der digitalen Gesellschaft kontinuierlich verletzt wird, vor allem von Regierungen, die von ihren Geheimdiensten und von Internetkonzernen, die mit den Daten ihrer Kunden Geld verdienen, Bürger ausspionieren lassen.

Der amerikanische Konzern AT&T, der in den USA so etwas ist wie in Deutschland die Telekom, geht jetzt einen Schritt weiter und verwandelt das Recht auf Privatsphäre einfach in etwas, das sich der Kunde leisten können muss. In Austin, Texas, und in Kansas City installiert der Konzern besonders schnelle Internetzugänge. Standardmäßig erklären sich die Kunden einverstanden, dass AT&T speichert, welche Webseiten sie aufrufen, wie lange sie auf einer Webseite bleiben, welche Werbung und Links sie sehen, welche sie anklicken und wonach sie im Netz suchen. Studien zeigen, dass ein Bruchteil dieser Informationen ausreicht, um einen Menschen besser einschätzen zu können als er es selbst vermag.

Dem Kunden bleibt nur eine Möglichkeit: Er muss 29 Dollar mehr bezahlen, dann verspricht AT&T, seine Daten nicht ganz so umfangreich zu durchleuchten - allerdings durchaus ein bisschen. Selbst wer zahlt, gibt also im neuen Geschäftsmodell einen guten Teil von sich preis.

Die üblichen Mittel, auf die viele Internetnutzer zurückgreifen, bringen dagegen gar nichts. Privater Surfmodus, Router ein- und ausschalten, den Browser wechseln, Cookies ablehnen oder Software gegen Nutzertracking einschalten, all das hilft dezidiert nichts. Denn ein Konzern, der seinen Nutzern das Internet bringt - der Provider -, hat direkten Zugriff auf alles, was sein Kunde im Netz so treibt. Auch in Deutschland ist das so. Und auch in Deutschland gibt es den Trend, dass Firmen aus diesem exklusiven Zugriff auf die Daten der Kunden neue Profite schlagen wollen, wenn auch auf etwas anderem Weg als ATT es jenseits des Atlantiks vormacht.

Wlan in der Wohnung? Kein Problem. Kostet aber zwei Euro mehr

Dazu muss man wissen, dass im Mittelpunkt der technischen Beziehung zwischen Provider und Kunde ein kleines Kästchen steht, das in der Regel im Wohnzimmer des Kunden ruhig vor sich hin blinkt. Dieses Gerät, Router genannt, gehört je nach Vertrag mal dem Kunden mal dem Provider. Er sorgt dafür, dass der Nutzer in seinen eigenen vier Wänden ein Netz hat, in der Regel ein drahtloses Wlan, und dass er über dieses private Netz den Weg hinaus ins Internet findet. Der Router ist mit einem Tor zu vergleichen, und wer auf ihn zugreifen kann, der kann genau speichern, was alles durch das Tor kommt und gesendet wird, und derjenige kann das Tor auch nach Belieben öffnen oder schließen.

Zum Beispiel der deutsche Provider Kabel Deutschland macht davon offensiv Gebrauch. Er stellt seinen Kunden als Router einen Kasten ins Wohnzimmer, den vor allem einer bedient: Kabel Deutschland - per Fernwartung. Möchte der Kunde kabelloses Internet (Wlan) in seiner Wohnung, muss er bei Kabel Deutschland anrufen oder sich im Kundenbereich auf der Webseite des Providers anmelden und darum bitten. Dann ist plötzlich Wlan in der Wohnung. Das Einschalten der Funktion lässt sich Kabel Deutschland mit zwei Euro im Monat bezahlen.

Das ist vergleichbar mit einem Mietwagen, bei dem das Einschalten der Scheinwerfer über eine Hotline extra freigeschaltet und bezahlt werden muss. Und umgekehrt bedeutet das: Jeder, der das Passwort eines Kabel-Deutschland-Kunden kennt, kann demjenigen direkt auf dem Router herumpfuschen und ihn zum Beispiel vom Netz trennen.

Aus dem Zugriff auf den Router lässt sich noch mehr Geld herauspressen. Wer bei Kabel Deutschland das Wlan einschalten lässt, der bekommt - nach Kundenberichten ungefragt - nicht nur ein privates, sondern noch ein zusätzliches, öffentliches Wlan, das über die Wohnung des Kunden hinausstrahlt und Passanten zur Verfügung steht, die auf der Straße gerne mal ins Internet wollen - gegen Geld, versteht sich. Geld, das an Kabel Deutschland geht. Nur auf Wunsch wird dieses öffentliche Netz abgeschaltet. Auch andere Konzerne, darunter die Telekom, experimentieren mit diesem Geschäftsmodell. Die einzige Möglichkeit des Widerstandes ist, sich einen eigenen Router zu kaufen. Auch im Digitalen muss die Freiheit jeden Tag neu erkämpft werden.