Bürgerkrieg in Syrien Mindestens 191 369 Menschen sind gestorben

Für ihre Forschung hat Gohdes zwei Datensätze vereint. Da sind zum einen die Daten, die sie für die HRDAG ohnehin auswertet. Sie kommen von mehreren Aktivistengruppen und Forschungseinrichtungen, die sich mit dem Bürgerkrieg in Syrien befassen. Darunter das Violation Documentation Center und das Syrian Network for Human Rights. "Diese Gruppen leisten phänomenale Arbeit", sagt Gohdes. Menschenrechtsgruppen vor Ort halten die Daten fest und leiten sie weiter: Datum, Name, Sterbeort, Geschlecht der Toten werden unter anderem erfasst. Das große Problem sei es, Duplikate innerhalb der Listen und zwischen den Listen zu erkennen. Am Ende steht eine Gesamtzahl: Mindestens 191 369 eindeutig identifizierbare Menschen sind in diesem Konflikt gestorben. Die Zahl dürfte höher liegen, da nicht alle Todesfälle von Aktivistengruppen aufgeklärt werden können.

Der zweite Datensatz kommt vom Syrian Digital Security Monitor, ein Projekt der in Kanada ansässigen SecDev Foundation, die Menschen in Krisenregionen darüber aufklären will, wie sie ihre Kommunikation abhörsicher machen. Die Organisation habe über die Dauer von neun Monaten Daten darüber gesammelt, ob und in welchen Gebieten Syriens es Internetzugang gab, zwischen Juni 2013 und April 2014. In diesem Zeitraum wurden 60 000 Menschen getötet. Es sind diese Fälle, die Gohdes analysiert hat.

100 Tote während einer Blockade

Ergeben sich aus diesen Daten Hinweise darauf, dass die Menschen hingerichtet wurden, handelt es sich um zielgerichtete Gewalt. "Es sind Fälle, in denen Leute singulär ausgewählt wurden. Zum Beispiel Deserteure, die nach ihrer Flucht auf Tötungslisten stehen. Manchmal heißt es aber in den Berichten aber auch, dass fünf Leute in einem Feld gefunden wurden, die Hände geknebelt", sagt Gohdes. Es sind also Hinrichtungen - im Gegensatz zu Leichen, die aus zerbombten Häusern geborgen werden.

"Wenn man sich die Zeitreihen anschaut und markiert, wann das Internet ausgeschaltet ist, sieht man es ganz krass. In Hama zum Beispiel sind die Todeszahlen viel höher, sobald der Zugang geblockt wird", sagt Gohdes. Anfang Juni 2013 wurden während so einer Blockade mehr als 100 Menschen getötet.

Die Befunde von Gohdes sind keine Kausalerklärung, das geben die Daten nicht her, sie sind aber durchaus ein Indikator auf die Strategie des syrischen Regimes. Wer Gegner komplett ausschalten will, stellt den Zugang ins Netz ab und startet eigene Angriffe. Wer ein Netzwerk infiltrieren will, findet Aktivisten und foltert sie, um an Passwörter zu kommen - und greift dann deren Netzwerk an. In beiden Fällen übernimmt das Internet die gleiche Funktion - es wird zur Kriegswaffe.

Linktipp: Anita Gohdes hat ihre Forschung im Rahmen des Hackerkongresses 31c3 präsentiert. Eine Aufzeichnung davon finden Sie hier.