"Big Data" Wenn Daten sprechen

Ein Datencenter von Google im US-Bundesstaat Georgia: Unternehmen denken über das Auswerten ihrer Datenbestände nach.

(Foto: dpa)

Besteht zwischen Bewegungsprofil und Schuhgröße womöglich ein Zusammenhang? Kann man durch die Auswertung von Tweets drohende Verarmung und Epidemien prognostizieren? Unter dem Stichwort "Big Data" denken IT-Firmen darüber nach, wie sie mehr Nutzen aus ihren unendlichen Datenbeständen ziehen können. Noch hat keiner eine Lösung - aber der Druck ist groß.

Von Bernd Graff

Was hätte Carolus Magnus, der König des Fränkischen Reiches und seit dem 25. Dezember 800 auch Römischer Kaiser mit dem Beinamen "Der Große", was also hätte dieser gewaltige Potentat des Frühmittelalters getan, wenn ihm seine Untergebenen aus dem Boden sprudelndes Erdöl gezeigt hätten?

Der Karolinger würde vielleicht davon gewusst haben, dass man schon lange vor seiner Zeit in Mesopotamien Bitumen entdeckt hatte, das man zum Abdichten von Schiffsplanken nutzte. Vielleicht wusste er auch, dass die römische Armee Erdöl als Schmierstoff für Achsen und Räder gebrauchte. Ja, er könnte auch das "griechische Feuer" gekannt haben, das im Byzantinischen Reich als Kriegswaffe eingesetzt wurde. Damit waren Flammenwerfer gemeint, die brennendes Erdöl verschossen. Aber sonst? Karl der Große kannte weder Techniken zur Destillation und Raffinierung des Erdöls, noch hatte er dafür einen Bedarf. Er hätte dem übel riechenden Zeug darum keine weitere Beachtung geschenkt.

Keine Technik und keinen Bedarf, folglich kein Interesse. So geht man heute nicht mehr mit Rohstoffen um. Es beginnt schon damit, dass man etwas, das in großer Menge vorliegt, vorsorglich zur Ressource erklärt und sogleich Bedarf anmeldet. Auch wenn die Techniken zur Gewinnung und Ausbeutung des Urstoffes vielleicht gerade erst einmal ansatzweise entwickelt sind. Das ist die Ausgangslage der gegenwärtigen Nervosität, die das Schlagwort, nein: die Losung: "Big Data" auslöst. Man weiß noch nicht, was man mit Daten sonder Zahl anfangen soll, aber es wird groß, so groß. Das ist Hoffnung wie Versprechen. So tönt es.

So tönt es von Microsoft, Apple, Google, IBM, EMC, Facebook, Amazon, Hewlett-Packard, Hitachi, Netapp und vielen anderen. "Big Data" ist nach "Mobile" und "Cloud", nach "Echtzeitanalyse" und "Personalisierung" das next big thing der IT-Branche. Und es ist kein Zufall, dass gerade die größten und erfolgreichsten der börsennotierten Unternehmen jetzt laut über das Schürfen, also Auswerten ihrer Datenbestände nachdenken, welche in jeder beliebigen Sekunde über Computer, Handys, Tablet-PCs und Netzwerkrechner zusammengetragen werden und stetig wachsen.

Hinzu kommen Behörden, die den öffentlichen Raum mit Videokameras überwachen, aber die Bildermengen nicht mehr bewältigen können, weil sie nicht Geschehnisse wahrnehmen, sondern immer dieselbe Echtzeit in, sagen wir, 48 verschiedenen Einstellungen. Diese Behörden und Unternehmen verfügen also jetzt schon über unfassbare Mengen an Nutzer- und Verkehrsdaten, aus Fernsprech-Verbindungen, Web-Traffic und Sozialen Netzen. Dazu kommt, was jede Logistik-Software über Warenbestände und Zulieferungen wie Kundenbestellungen aufnimmt.

Doch es ist eins, wenn ein einzelnes Unternehmen jährlich "Big Data" im Umfang von Petabytes, eine Zahl mit 15 Nullen, erfasst und weltweit Zettabytes, eine Zahl mit 21 Nullen, angehäuft werden. Ein anderes ist es, aus diesen Daten etwas zu machen. Sie zu lesen, zu verstehen, sie zu analysieren. Und das gelingt nicht. Noch nicht.