Auswärtiges Amt: Ende einer IT-Revolution Westerwelle beerdigt Linux

Unter Joschka Fischer sollte das Auswärtige Amt Fortschrittlichkeit demonstrieren und seine Computer auf freie Software umrüsten. Nun landet das Ministerium wieder in den Armen von Microsoft.

Von Daniel Brössler

Billiger sollte es sein, sicherer und noch dazu politisch korrekt. 2002 verkündete das Auswärtige Amt (AA), damals unter der Leitung des Grünen Joschka Fischer, eine kleine Revolution: Als erstes Bundesministerium wollte es seine Computer umstellen, weg von Microsoft und seinen Monopolen, hin zu freier Software mit allgemein zugänglichen Quellcodes.

Fachzeitschriften lobten damals den Übergang "von Monokultur zu Multikulti". Damit aber ist es nun vorbei. In aller Stille hat das AA unter dem FDP-Mann Guido Westerwelle die Software-Revolution abgesagt. Das Haus setzt wieder auf Lizenz-Software aus dem Hause Microsoft. Das belegen interne Unterlagen, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen.

Zur Zeit sind von den knapp.11.000 Rechnern des AA 2900 mit dem freien Betriebssystem Linux ausgerüstet. Noch 2009 hatte das Amt in einer Pressemitteilung verkündet, die Umstellung vom Microsoft-Betriebssystem Windows auf Linux werde bei allen "PC-Arbeitsplätzen in weltweit über 220 deutschen Auslandsstandorten und in der Zentrale (Berlin und Bonn) Anfang 2010 abgeschlossen sein". Die Umstellung ist freilich nicht nur bisher ausgeblieben, sie wurde komplett abgeblasen.

Das AA sei mit seiner Software-Strategie in der Bundesregierung allein geblieben, erläutert der IT-Chef Michael Groß in einem internen Rundschreiben. "Die Hausleitung hat daher im August 2010 die Entscheidung getroffen, dass wir bei den Arbeitsplatzrechnern wieder zu einem Microsoft-Windows-Ansatz schwenken", heißt es weiter. Und: "Konkret werden wir in 2011 jene Arbeitseinheiten der Zentrale und Auslandsvertretungen, die derzeit mit Linux arbeiten, wieder auf das vertraute Windows-XP-Betriebssystem umstellen."

In der Antwort auf eine Kleine Anfrage des SPD-Bundestagsabgeordneten Oliver Kaczmarek mochte die Bundesregierung diese Systemumkehr des AA freilich nicht einräumen, jedenfalls nicht direkt. Vielmehr ist die Rede von einer "Fortentwicklung der ursprünglichen ausschließlich auf quelloffene Software ausgerichteten IT-Strategie hin zu einer kooperativ ausgerichteten IT-Strategie im Rahmen der gemeinsamen Strategie des Bundes". Soll heißen: Die Rolle des AA als Vorreiter für offene Software in der Bundesregierung ist beendet.

Kein Sparpotential oder Verschleierung?

Das erstaunt insofern, als das AA 2007 unter der Leitung des SPD-Mannes Frank-Walter Steinmeier in einer Mitteilung noch gejubelt hatte: "Heute gibt das Auswärtige Amt pro Mitarbeiter weniger als ein Drittel der Pro-Kopf-Ausgaben für IT-Ausstattung aller Bundesministerien aus - und das obwohl 80 Prozent der Computer im Ausland stehen und unter oftmals schwierigen klimatischen Bedingungen schneller verschleißen als in Mitteleuropa."

Das gilt nun nicht mehr. Im Rückblick sei festzustellen, teilt die Bundesregierung mit, dass das Sparpotential "aufgrund der tatsächlichen Marktentwicklung im Software-Bereich nur in geringem Umfang ausgeschöpft werden konnte". Wo es "geeignet und wirtschaftlich" sei, werde quelloffene Software in der Bundesverwaltung auch weiterhin empfohlen.

"Verschleierung", nennt das Matthias Kirschner von der Free Software Foundation Europe. Das Auswärtige Amt verabschiede sich offenkundig von freier Software, obwohl diese wegen der eingesparten Lizenzgebühren langfristig billiger sei. "Man sollte sich nicht abhängig machen von einem einzigen Hersteller", fordert Kirschner. Zudem vergebe der FDP-Mann Westerwelle so auch eine Chance - "zur Förderung der Wirtschaft im eigenen Land".