AOL brachte Millionen Deutsche ins Netz. Doch einmal drin, vergaßen sie das Unternehmen schnell - weil es die Veränderungen des Internets nicht mehr begriff.
Der Werbespot wirkt auch heute noch simpel wie genial: "Bin ich schon drin?", fragt 1999 ein ziemlich perplex guckender Boris Becker, nachdem er sich in Sekundenschnelle mit der AOL-Software ins Internet eingewählt hat. 500.000 Neukunden gewinnt AOL durch die Kampagne.
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Die AOL-CDs wanderten in den vergangenen Jahren öfter in den Müll als in das CD-Laufwerk (© Foto: dpa)
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Etwas mehr als zehn Jahre später ist alles vorbei: AOL ist seit Montag draußen. Alle deutschen Standorte werden dichtgemacht, 140 Mitarbeiter verlieren ihre Arbeit. Auch der Rest des Europageschäfts steht auf dem Prüfstand.
Im Nachhinein könnte der Becker-Spot deshalb als Höhepunkt der deutschen Firmengeschichte gelten: AOL, dessen deutscher Service erst 1995 gegründet wurde, stand damals hierzulande für den einfachen Zugang zum Internet. Wer sich als Otto-Normalsurfer nicht mit der oft zickigen Software von T-Online herumschlagen wollte, wählte die Gratis-CD des Unternehmens. Beinahe wöchentlich fand sich eine solche in deutschen Briefkästen - und oft genug griffen die neugierigen Deutschen zu, um das neue Phänomen Internet kennenzulernen.
Vom Netz überholt
Zeitweise drei Millionen Deutsche nutzten AOL, doch das Internet, das sie entdeckten, machte AOL schnell überflüssig: Die Nachrichten, die auf der Startplattform geboten wurden, gab es bald überall. Webbasierte E-Mail-Anbieter liefen mit ihren kostenlosen Angeboten AOL-Mailadressen den Rang ab, T-Online motzte sein Angebot auf und bot für schnellere Internetzugänge ISDN- und später DSL-Komplettlösungen an. Die Einwahl-CDs landeten in der Folge meist im Müll, der Preiskampf zehrte AOL aus. Hinzu kam, dass sich schnell herumsprach, dass es häufig nicht ohne größeren Aufwand möglich war, einen AOL-Vertrag zu kündigen.
Doch Schuld am folgenden Niedergang trug auch das klassische Mediendenken, von dem sich die Verantwortlichen nicht lösen konnten. Da wäre die verunglückte Fusion der US-Mutter mit Time Warner aus dem Jahr 2001, die Ex-Time-Warner-Chef Gerald Levin kürzlich als "schlechtesten Deal des Jahrhunderts" bezeichnete.
Die hohen Verluste in den Jahren darauf sind nicht nur mit der Anleger-Skepsis nach dem Platzen der Dotcom-Blase zu begründen: Die Verantwortlichen träumten zu lange von einer Plattform, die so viel bietet, dass die Nutzer sie niemals verlassen müssen - auch noch, als Google mit seiner Suche das Netz bereits endgültig dezentralisiert hatte und die Nutzer in alle Richtungen verstreute. In Deutschland kündete bald nur noch der Name des Hamburger Fußballstadions von der einstigen Größe des Unternehmens.
Kunden-Exodus und Personalkarussell
Der Kunden-Exodus war in Zeiten von DSL-Anschlüssen kaum aufzuhalten, bereits 2006 verkaufte AOL Deutschland das Internet-Zugangsgeschäft an den Alice-Betreiber Hansenet. Schon damals gab das Unternehmen weltweit die Strategie aus, nun eine Plattform für Inhalte sein zu wollen und sich über Werbeerlöse zu finanzieren. Doch mehrere Chefs konnten das Deutschlandgeschäft nicht in die Spur bringen, beim Aufstieg der sozialen Netzwerke blieb AOL diesseits wie jenseits des Atlantiks Zuschauer.
2009 trennte sich Time Warner von AOL. Zu diesem Zeitpunkt gab es anscheinend bei AOL Deutschland noch Hoffnung: Das Unternehmen suchte noch vor wenigen Monaten einen Programmchef. Nach einem vertraulichen Anforderungsprofil, das sueddeutsche.de vorliegt, sollte dieser am Standort Hamburg "ein neues Portfolio qualitativ hochwertiger Redaktions- und Publikumskanäle" und "Multimediainhalte für Nischenbereiche" entwickeln.
Dazu wird es nun nicht mehr kommen. Mit AOL Deutschland ist ein Internet-Pionier gescheitert, der in einem Zeitalter der Veränderungen zu lange die Zeichen der Zeit übersah. Was bleibt, sind ein paar verwaiste AOL-E-Mail-Adressen und die Erinnerung an einen Tennisstar, wie er das Internet entdeckte.
Was macht Boris Becker eigentlich heute?
- AOL macht weltweit Standorte dicht Ende einer Legende 12.01.2010
- AOL expandiert Ausbau eigener Inhalte 20.07.2009
(sueddeutsche.de/joku/beu)
Konsequenz der Loveparade-Katastrophe
Ich hab 1997 schon gesagt, daß kein Mensch Compuserve oder AOL braucht. T-Online war zwischenzeitlich recht sinnvoll, da eine günstige Alternative und v.a. fast überall verfügbar. Dennoch war die T-Online-Software schon immer ein, sehr milde ausgedrückt, Störenfried auf dem Rechner. Genau wie die AOL-"Software". Ständig neue Versionen, ständig Kompatibilitätsprobleme bei Datenrücksicherung, Rechnerverlangsamung, Fehler.... Die T-Onlinesoftware hat bei Inst. einfach dreist die BDE neu inst. und damit alle Programme zerschossen, die diese benutzten. Dieser Fehler wurde jaherlang nicht behoben.
Belehren lassen wollten sich nur diejenigen, denen man gezeigt hat, wie einfach es ohne diese ganzen Abzocker-Dienste geht. Dass es sich dann am Ende doch alles so lange gehalten hat, zeigt nur mal wieder, wie einfach man Menschen mit Medien manipulieren kann, bzw. wie wenig sich informiert wurde. Für die Meisten gab es nur T-Online, Compuserver und AOL. Im schlimmsten Fall wurde mit diesen Titeln auch direkt das gesamte Internet asoziiert.
Dass es aber schon in den meisten Gegenden seit mind. 1997 auch Lokalanbieter gab, die preislich sogar wesentlich günstiger waren als diese "Riesen", wussten die Wenigsten. Bei AOL hat man um '97 rund 6 DM pauschal pro Stunde bezahlt, dazu 35 DM pauschal im Monat + Minutengebühren, was einem Ferngespräch gleichkam, wenn man keinen Einwahlknoten in Ortstarif-Reichweite hatte. Darüber hinaus, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, noch Zusatzkosten für diverse Dienste und ... Einwahlgebühren? Ein mir bekannter damaliger Ortsanbieter wollte 30 DM / Monat pauschal. Dafür bekam man Einwahldaten und -nummer (Ortstarif).
Das Internet konnte auch damals schon alles das, was AOL & Co konnten. Es gab Newsseiten, E-Mail-Adressen kostenlos + Einbindung in E-Mail-Programme, Chaträume ohne Ende, ICQ&Co. Und v.a. war man befreit von diesen armen Browser-Mutanten, die einem aufgezwungen wurden von diesen Großkonzernen. Das Einzige, was, zugebebenermaßen ein Problem war, war das Banking. Aber das kam wenig später mit Internetbanking nach.
Dann irgendwann kamen die Einwahlnummern. Arcor, Freenet etc. Spätestens da konnte das Internet viel mehr als die ganze "Software".
Heute sucht man sich eben den Anbieter raus, der einem das dreisteste Wechselangebot gibt. 20.000 Monate kostenlos, dafür 130 Jahre Vertragsbindung. In der Zeit gibt es dann wieder neue Techniken, die günstigere Angebote möglich machen, um neue Kunden zu fangen. Die Langzei
@gummo: Ich kann mich nicht zu Dingen äußern, die vor meiner Zeit passiert sind. In Anbetracht der "normativen Kraft des Faktischen" gilt es, das Beste aus den Umständen zu machen - und einige kluge Menschen melden sich hier auch vor Feierabend zu Wort. Ich kann Ihnen zumindest versichern, dass die Redaktion die Kommentare aufmerksam verfolgt - und einige Nutzer auch intern hohe Wertschätzung genießen.
@HoChiMinh: Freuen Sie sich nicht zu früh, ich bin gekommen, um zu bleiben ;-)
Einen schönen Abend wünscht,
Johannes Kuhn, sueddeutsche.de
Erstmal meinen Respekt, dass Sie sich als Redakteur hier im Forum beteiligen. Der Verlust der "Zeit" ist der Gewinn der "SZ".
Besonders was den Bereich "Digitales" angeht; da hat die "SZ" wirklich großen Nachholbedarf.
Eine Sache, die mich hier bei "SZ"-Online auch nach über 2 Jahren noch massiv stört, sind die "Ladenöffnungszeiten".
Finden Sie es nicht auch dem Niveau einer großen deutschen Zeitung unwürdig, wochentags um 19 Uhr zu schließen und am Wochenende gar nicht zu öffen?
Damit schließt man extrem viele User aus, die "normale" Büroarbeitszeiten haben und deren Meinungen doch sicher sehr interessant wären.
Mich würde interessieren, was der Grund dafür ist? Ist es wirklich sooo teuer, wenigstens bis Mitternacht und am Wochenende zu öffnen? Und kann sich die "SZ" das tatsächlich nicht mehr leisten?
Bei der "Zeit" funktioniert es doch auch, da Forum rund um die Uhr offen zu lassen.
Vielleicht könnten Sie sich ja, mit eben dieser Erfahrung von "ZEIT-Online", dafür einsetzten, hier doch wieder etwas länger zu öffnen.
Ansonsten bin ich froh, dass die "SZ" einen so qualifizierten Redakteur gewinnen konnte.
@Johannes Kuhn:
Oh,
ich bin angenehm überrascht, dass Sie sich als Redakteur zu uns unten ins Artikelforum herabgelassen haben. Hatten wir vor rund 2 Jahren schon mal. Damals hat es die Redakteurin aber nicht lange ausgehalten und sich nie wieder blicken lassen.
Ich sage Ihnen: Die Zeitungen sind nicht tot und werden es auch nie sein. Denn die Medien und insbesondere die Zeitungen werden als 4. Säule der Demokratie gebraucht. Sie stellen die "Öffentlichkeit" dar. Ihre Werte sind Reputation und Qualität. Und den Unterschied machen UNABHÄNGIGE Journalisten mit einer unkorrumpierten Meinung.
Sollten sich die Verantwortlichen darauf besinnen werden sie ihre Hilflosigkeit mit dem "neuen" Kommunikationsmedium Internet überwinden können und möglicherweise irgendwann auch ihrer Verantwortung wieder gerecht werden.
Gruß,
Onkel Ho
Liebe Nutzer,
vielen Dank für die Beiträge und Schilderungen Ihrer Erfahrungen. Ich möchte nochmal auf die Kommentare von @chewbacca0815 @josky01 hinweisen, die den Artikel sehr gut ergänzen.
@HoChiMinh: Ich denke, die Verlagsbranche und die Beteiligten lernen. Ob das schnell genug geht? Die Zukunft wird es zeigen, und auch ich werde mich an meiner Prognose messen lassen müssen.
Übrigens haben wir hier noch andere Agenturen als dpa und Praktikanten gibt es tatsächlich - wie in Ihrer Branche aber wahrscheinlich auch.
Beste Grüße,
Johannes Kuhn, sueddeutsche.de
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