21. November 2012 09:44 Smartphones und Tablets Volle Akkuladung aus der Umhängetasche

Von Wolfgang Koydl, Zürich

Weil ihr Gameboy keinen Sommertag im Schwimmbad durchhielt, machten sich zwei Schweizer ans Basteln. Jetzt sind sie Unternehmer und verkaufen Solartaschen, mit denen man unterwegs das Smartphone oder den Tablet-Computer aufladen kann.

Wer solch eine Tasche dabei und auch noch genug Sonne hat, der muss keine Steckdose fürs Handy suchen.

(Foto: Element 5)

Es soll niemand sagen, dass zu viel Spielerei auf dem Gameboy verdummt, womöglich gar den Karrierechancen junger Menschen schadet. Pascal Landolt und sein jüngerer Bruder Stéphane sind die lebenden Beweise dafür, dass das Gegenteil der Fall sein kann. Ohne Super Mario und seine Freunde besäßen sie heute wohl nicht ihre eigene Firma - und den Traum, mit ihrer Idee von der Energie für unterwegs die Welt zu erobern.

Ihr Start-up Element 5 verkauft Solartaschen und andere Geräte, mit denen sich immer und überall Strom aus Sonnenkraft erzeugen lässt. Die jüngste Erfindung ist eine dünne, mit Sonnenkollektoren überzogene Plastikfolie von der Größe eines Tablet-Computers. Mit Saugnäpfen an der Fensterscheibe befestigt, kann man damit zum Beispiel sein Handy aufladen.

Die Geschichte von Element 5 beginnt im langen, heißen Jahrhundertsommer von 2006. Pascal und Stéphane verbrachten die Tage meistens im Badi, dem Strandbad ihrer Heimatgemeinde Stäfa. Pascal war damals 21 Jahre alt, sein Bruder gerade 16 - und ihre Zeit vertrieben sie sich mit Nintendo-Spielen. Doch leider erloschen die Batterien schneller als die Sonne am Himmel: Am Nachmittag waren sie meist leer; Steckdosen, über die man sie hätte aufladen können, gab es in der Badeanstalt nicht.

Durch Zufall stieß Pascal auf eine mit Kollektoren bestückte Plastikplane. Leicht, dünn und biegsam. Eigentlich war sie für das Dach einer Eishockey-Arena entwickelt worden, doch die beiden Brüder entdeckten noch andere Möglichkeiten. Mit Lötkolben und Nähnadel entstand in der elterlichen Garage die erste Solartasche. "Es war eine Werbetasche von Nintendo", erinnert sich Pascal. "Wir hatten sie für uns gemacht, damit wir unseren Gameboy im Bad aufladen konnten. Dass einmal mehr daraus werden könnte, dieser Gedanke wäre uns nie gekommen."

Kollektorfolie für den Rucksack

Das änderte sich, als eines Tages ein Freund der Landolts einen Artikel über die Energietasche in einer Zürcher Regionalzeitung veröffentlichte. "Zwei Tage später hatten wir schon 100 Anfragen, wo man die Tasche kaufen kann", berichtet Pascal Landolt. Noch heute sieht man ihm an, wie geschockt er damals wohl gewesen sein muss: "Plötzlich standen wir vor der Notwendigkeit, eine Firma aufzumachen, und wir hatten doch keine Ahnung, wo und wie man damit anfängt." Inzwischen ist das kleine Unternehmen in ruhigeres Fahrwasser geraten. Es gibt Produktions- und Finanzpläne, acht Personen bilden das Kern-Team von Element 5. Zwei Mitarbeiter kümmern sich um Entwicklung und Forschung; außerdem hat Landolt Kooperationen mit drei Schweizer Hochschulen initiiert.

Produziert wird lokal: in Zürich und im Zürcher Oberland. Auch die Sonnenfolien kommen aus der Schweiz. Sie werden von einer Firma in Yverdon-le-Bains im Kanton Jura hergestellt. Etwa 1000 Taschen hat die Firma mittlerweile verkauft, zu Stückpreisen zwischen 300 und 400 Franken. Außerdem im Angebot sind Batterien in verschiedenen Größen, welche die Sonnenenergie speichern: Energieriegel fürs Handy oder den iPad, wie Landolt es nennt. Als echter Renner hat sich in der wanderbegeisterten Schweiz eine Kollektorfolie erwiesen, die man an jedem Rucksack anknöpfen kann. Sie speist eine Batterie, die am Ende eines Wandertages genügend Saft für Laptops oder Telefone geladen hat. Ohne solcherlei Gerätschaft gehen heute nur noch wenige Schweizer in die Berge.

"Gadgets, technische Spielereien - so würde ich meine Produkte nicht nennen", sagt Landolt, "Eher sind sie: eine Idee." Vielleicht sogar eine Philosophie? Der 27 Jahre alte Unternehmensgründer, der in Zürich Wirtschaftswissenschaften und in China Sinologie studiert hat, erschrickt zwar vor diesem großen Wort. Doch ihm geht es um mehr, als nur darum, bei einer Alpenwanderung das Bild vom Gipfel gleich auf Facebook zu posten.

"Wir wollen den Leuten die Möglichkeit geben, selber Ressourcen abzubauen und eigenen Strom zu erzeugen", erklärt er seinen Grundsatz. "Wir wollen ihnen die Macht über Energie geben", fügt er hinzu, "die Menschen sollen selber an einer Energiequelle sitzen, in diesem Fall an der Sonne, und nicht an einer Steckdose." Idealistisch sei dies nur zum Teil, sondern eher "pragmatisch, praktisch und effizient".

Die Zukunft sieht er denn auch alles andere als düster. "Wir reden immer vom Sparen von Energie", erregt er sich, "dabei müssen wir uns nicht einschränken, wenn wir die richtigen Quellen anzapfen. Bei Öl und Kohle ist jede Wattstunde zu viel, Sonne aber ist nachhaltig. Da könnten wir uns auch die 20 000-Watt-Gesellschaft leisten."