US-Schulen Scharfe Sanktionen gegen Spielzeugwaffen

Schärfere Regeln sollen her: Das Schulmassaker von Newtown hat die Amerikaner zum Umdenken in Sachen Waffenrecht gebracht.

(Foto: AFP)

Mit aller Härte greifen amerikanische Schulen gegen scharfe Waffen durch. Nun geraten auch harmlose Attrappen und deren minderjährige Besitzer ins Visier. Ein Zehnjähriger aus dem US-Bundesstaat Virginia muss demnächst vor Gericht erscheinen - weil er im Schulbus eine Spielzeugpistole hervorkramte.

Von Christian Wernicke, Washington

Die Kinder spielen nur - aber Amerikas Schulen machen ernst. Bitterernst. Gleich zweimal strafte im US-Bundesstaat Maryland zuletzt ein Herr Direktor sechsjährige Erstklässler mit einem Tag Schulverbot ab, weil sie - mal als Räuber, mal als Gendarm - aus Daumen und Zeigefinger eine Pistole geformt und "Peng" gerufen hatten.

In Pennsylvania sah sich ein fünfjähriges Mädchen zehn Tagen Schulverweis sowie dem Verdacht "terroristischer Bedrohung" ausgesetzt, weil sie der besten Freundin verhieß, sie werde am nächsten Tag auf sie schießen - mit ihrem rosaroten Gewehr, das bunte Seifenblasen ausstößt. Und auf Cape Cod, gleichsam das amerikanische Sylt, muss ein fünfjähriger Bengel fürchten, demnächst zwei Wochen lang relegiert zu werden: Wenn, ja wenn er es je wieder wagen sollte, aus einer Handvoll Lego-Steinen eine Mini-Pistole zu bauen und damit über den Pausenhof zu flitzen.

Zwei Monate ist es her, dass Amerikas Nation den Schock von Newtown erlitten hat. Zwanzig Kinder und sechs Lehrkräfte fielen am 14. Dezember in der Sandy Hook Grundschule dem Blutrausch eines offenbar verwirrten Amokläufers zum Opfer. Seither, so scheint es, sind Amerikas Pädagogen verunsicherter - und unnachgiebiger - denn je. Allerorten stellen Lehranstalten zusätzlich bewaffnete Wächter vor die Tür - und drinnen ziehen sie die Leinen stramm.

Gerichtstermin für einen Zehnjährigen

Noch gibt es keine Statistik, die den Trend beweist. Aber die Indizien mehren sich. "Wir beobachten einen Anstieg von Fällen schulischer Disziplinierung, die den gesunden Menschenverstand außer Acht lassen", sagt Judith Browne Dianis von der Bürgerrechtsgruppe "Advancement Project" in der Washington Post.

Das jüngste Beispiel stammt aus Alexandria, Virginia. Dort kramte vor zwei Wochen ein zehnjähriger Junge im Schulbus seine Plastikpistole hervor, er prahlte ein wenig mit seinem neuen Spielzeug. Aber weil dies eine Schulkameradin verschreckte und sich deren Mutter an den Direktor wandte, brach eine schulbürokratische Lawine los. Am nächsten Morgen durchsuchten Lehrer den Ranzen des Jungen, fanden das schwarz-orangene Corpus Delicti, riefen die Polizei. Die Beamten nahmen den Jungen mit, verlasen ihm seine Rechte, nahmen Fingerabdrücke, fotografierten ihn frontal und im Profil. Alles lief streng nach Vorschrift. Dem Zehnjährigen steht nun ein Bewährungshelfer zur Seite.

Die Schulbehörde weist alle Bedenken zurück. Man habe nur die Schulregeln und Gesetze des Staates Virginia angewandt. Kritiker hingegen deuten den Fall als Exempel für die Exzesse der "Zero Tolerance": Seit Mitte der Neunzigerjahre verfügen US-Gesetze, schulische Gewalt und Unordnung im Keim zu ersticken und drastische Schulverbote zu erteilen. Damit sollten echte Waffen (und ihre Besitzer) aus Highschools verbannt werden. Psychologen warnen längst, die Zero-Tolerance-Strategie produziere massenhaft Schulabbrecher und Jung-Kriminelle.

Nun, nach Sandy Hook, wuchert die Unerbittlichkeit auch an Grundschulen. Nach Protesten nahmen einige Direktoren ihre Rüffel inzwischen zurück. Aber den zehnjährigen Jungen erwartet demnächst ein Termin vor Gericht. Alles ganz korrekt.