Institut für Deutsche Sprache Was ist "Reichweitenangst"?

Fahrer eines Elektroautos haben gelegentlich mit Reichweitenangst zu tun.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Und ab wann kann man "die Arschkarte ziehen"? Ein Großprojekt untersucht, wie sich der deutsche Wortschatz seit 1989 entwickelt hat.

Von Lothar Müller

Ein noch junges, kaum aufgeblühtes Pflänzchen im Wortschatz der Deutschen ist die "Reichweitenangst". Das neue Wort schwankt noch ein wenig hin und her, nicht jeder weiß, was damit gemeint ist. Vielleicht die Sorge der Zeitungen und öffentlich-rechtlichen Medien, im Publikum an Einfluss zu verlieren? Nein, bei der "Reichweitenangst" handelt es sich um die "Befürchtung, mit einem E-Auto stehen zu bleiben, weil die Batterie leer ist". Sie ist immerhin schon so weit vorangekommen im Sprachgebrauch der Deutschen, dass sie es auf die Liste "Das Neueste im Wortschatz der Zehnerjahre" des Instituts für Deutsche Sprache geschafft hat.

Jeweils zum Jahresende erscheinen auf der Website solche Aktualisierungen im "Neologismenwörterbuch", einem der Großprojekte des Instituts. Es erfasst etwa seit der Jahrtausendwende die im Deutschen neu gebildeten Wörter oder die neuen Bedeutungen, die existierenden Wörtern zuwachsen, im Zehnjahresrhythmus.

Das erste Jahrzehnt, das es dokumentierte, waren die Neunzigerjahre. Es war das Jahrzehnt, in dem ein großer Strom vereinigungsbedingter Neologismen, angeführt vom "Jammerossi" und vom "Besserwessi", in den Wortschatz einfloss, die technologischen Innovationen, allen voran die Digitalisierung, mit Doppelklick und Download ihren sprachlichen Triumphzug antraten, das Boxenluder neben der Boygroup stand und die Kuschelpädagogik vom Kuschelrock flankiert wurde.

Kampf dem Fachchinesisch

Zwischen Wissenschaftlern und Laien herrscht oft Sprachverwirrung. Ein Institut will das ändern. Interview von Viola Schenz mehr ...

Das Blättern in diesem frei zugänglichen Onlinewörterbuch ist kurzweilig und erhellend - nicht nur für Linguisten. Denn dieses Blättern führt von Sprachgeschichte zur Zeit- und Gesellschaftsgeschichte der Deutschen seit jener Zäsur, welche die Lexikografen als Beginn ihres Erfassungszeitraumes gewählt haben. Es ist der historische Einschnitt des Herbstes 1989, der zur Einheit Deutschlands führte - als Staat wie als Kommunikationsgemeinschaft, wie die Forscher sagen. Seit diesem Zeitpunkt kartografieren sie den Wortschatz der wiedervereinigten Deutschen, der die Modernisierung ihrer Lebenswelten spiegelt, einschließlich der Popkultur und der Veränderungen der politischen Landschaft von den letzten Jahren der Kohl-Ära bis zu den Optionen von Jamaika- oder Kenia-Koalition.

Die erste Voraussetzung für die Tauglichkeit des Wörterbuchs als Instrument zur Erforschung der deutschen Gesellschaft ist, dass es nicht lediglich Sprachnischen wie Szene- oder Jugendsprachen dokumentiert, sondern die Veränderungen im Wortschatz der Standardsprache. Es nimmt neue Wörter erst auf, wenn sie einen bestimmten Verbreitungsgrad erreicht haben. Zudem enthält jeder Eintrag nicht nur eine Definition, sondern zugleich Belege und Verweise auf benachbarte Wortfelder. Und es werden auch nicht nur Einzelwörter aufgenommen, sondern zugleich "Phraseologismen" - in den Neunzigerjahren etwa "die Arschkarte ziehen", in den Zehnerjahren "hätte, hätte, Fahrradkette" oder die "falsche Neun".

Nachbarn der Reichweitenangst in der jüngsten Aktualisierung sind übrigens der Gruselclown, der Hipsterbart, das Inklusionskind und die Willkommensklasse.

Wie heißt es im Plural?

Der Kellner kommt, das Gegenüber hätte ebenso wie man selbst gern einen schnellen starken Kaffee zum Dessert. Doch wie heißt es nun gleich: Espressos, Espressis? Testen Sie Ihr Wissen! mehr... Quiz