Schule "Wir hatten es früher leichter"

Lehrer-Familie: Siegfried Klingl, 90, Lisa Klingl-Schmidt, 62, und Sebastian Schmidt, 35.

(Foto: Paul Munzinger)

Vater, Tochter, Enkel - alle Lehrer von Beruf. Ein Drei-Generationen-Gespräch über Noten, nervende Eltern und den Wert des Kaulquappen-Fangens.

Von Susanne Klein

Eine Grundschullehrerin, die bei ihrem Vater in die Dorfschule ging. Ein Realschullehrer, der im Klassenzimmer seiner Mutter (der Grundschullehrerin) Rechtschreiben und Rechnen lernte. Und der Mann, der die kleine Lehrerdynastie (es gibt noch mehr unterrichtende Familienmitglieder) begründete: Siegfried Klingl, 90 Jahre alt und Vater der Grundschullehrerin, lehrte nach Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst in einer Behelfsschule, später leitete er eine der modernsten ländlichen Unterrichtsstätten Bayerns.

Mehr als 80 Jahre Erfahrung im Unterrichten von Kindern und Teenagern bringen die drei insgesamt mit. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung sitzen sie zusammen am Wohnzimmertisch. Siegfried Klingl reicht Quarkbällchen herum, Lisa Klingl-Schmidt, 62, schenkt Filterkaffee aus, und ihr Sohn Sebastian Schmidt, 35, erzählt von seinem "Flipped Classroom", einem Unterrichtskonzept, das so ziemlich alles auf den Kopf stellt, was sein Großvater in seiner Lehrerausbildung gelernt hat.

"Es muss auch mal hart zugehen"

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Schnell stellt sich heraus, dass keiner der drei das Lehrersein als Traumberuf angesehen hat - anfangs. Doch dann hat sie die Tätigkeit so gepackt, dass sie zur Berufung wurde. "Ein guter Lehrer sollte seinen Beruf mögen und die Kinder mögen. Das ist eine wahnsinnig wichtige Voraussetzung", sagt Lisa Klingl-Schmidt. Dazu gehört dann auch eine ordentliche Portion Leidenschaft, denn etwas Leid scheint naturgemäß drinzustecken im Lehrerjob. Der Lehrplan ist viel zu voll, klagen Mutter und Sohn, eine Reform jagt die nächste, meckernde oder desinteressierte Eltern kosten Nerven, und den Respekt der Schüler bekommt man auch nicht geschenkt.

Wenn Siegfried Klingl solche Klagen hört, sagt er im Ton der Überzeugung: "Ich habe eindeutig das Gefühl, wir hatten es früher leichter." Merkwürdig eigentlich, denn Schmidt hat im Klassenzimmer seiner Dorfschule 40 bis 50 Kinder unterrichtet - acht Klassen auf einmal. Er muss ein guter Zeichner gewesen sein, denn er war berühmt für seine Tafelbilder, die den Unterrichtsstoff illustrierten und erst nach ein, zwei Wochen dem nassen Schwamm zum Opfer fielen, wenn alle Schüler die Facetten des Themas "aufgesogen" hatten, wie Siegfried Klingl sagt.

Dass der Enkel, dessen Unterrichtsmethode einen gewissen digitalen Pioniergeist verrät, den großväterlichen Unterricht an der Dorfschule der Fünfzigerjahre als Vorbild für heute sieht, ist eine weitere Überraschung in diesem Gespräch. Er unterrichte zwar keine acht Klassen gleichzeitig, sagt der Mathematik-Lehrer, dafür habe er innerhalb eines Jahrgangs eine so große Bandbreite, dass er manche Schüler zwei Klassen höher schicken könnte, für andere gelte das Gegenteil. "Denen können Sie keinen Einheitsbrei vorsetzen", sagt Schmidt. Warum dann in so vielen deutschen Schulen immer noch Frontalunterricht abgehalten wird? Das fragt sich sein Großvater auch.

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