Schule Die Muttersprache gehört in die Klassenzimmer

Die Förderung der Muttersprache gehört auf den Stundenplan, sagt ein Sprachforscher.

(Foto: dpa)
  • Deutsche Schulen legen bei Zuwandererkindern viel Wert auf das Deutschlernen, die Muttersprache der Kinder ist kaum ein Thema.
  • Die sprachwissenschaftliche Forschung sieht das kritisch.
  • Wer seine Muttersprache gut beherrscht, kann demnach schneller und besser eine neue Sprache erlernen.
Von Matthias Kohlmaier

Deutsch lernen. Deutsch lernen! Und nochmal Deutsch lernen: So lautet oft das politische Credo, wenn es um die Integration von Zuwanderern geht. Wer die Sprache nicht kann, wird keinen Platz in der Gesellschaft finden. Für die Abertausend Kinder im schulpflichtigen Alter, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind, wurden zu diesem Zweck allerorts Übergangsklassen geschaffen. Dort sollen sie möglichst schnell die neue Sprache lernen, damit sie bald in Regelklassen wechseln können.

Soweit die Theorie, die nicht immer perfekt, in der Praxis aber dank immensen Aufwands von Schulen und Lehrkräften sehr ordentlich funktioniert. Nur eines, sagt Heiner Böttger, wird dabei von den meisten Bildungspolitikern vergessen: "Wenn man Integration ernst nehmen möchte, ist eine muttersprachliche Förderung an unseren Schulen aus sprachwissenschaftlicher Sicht unabdingbar."

Böttger ist Professor für Englischdidaktik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, er hat viel zu Bilingualität und zum Erwerb von Fremdsprachen geforscht. Natürlich findet er die Übergangsklassen, die Neuankömmlinge auf das deutsche Schulsystem vorbereiten sollen, wichtig. Trotzdem hält er es für "gefährlich, dass wir die Sprachförderung bei den Zuwandererkindern vernachlässigen".

"Ich bin gewonnen!"

In Willkommensklassen sollen die Kinder Geflüchteter Deutsch lernen. Doch das Lehrpersonal ist ebenso knapp wie das Geld. Ein täglicher Kraftakt - der oft belohnt wird. Von Matthias Kohlmaier mehr ... Report

Die Muttersprache der Kinder spielt an deutschen Schulen kaum eine Rolle. Das widerspricht den Erkenntnissen der Sprachforschung, die verknappt lauten: Die eigene Muttersprache zu beherrschen, ist essenziell für das Erlernen jeder weiteren Sprache. Die Forschung spricht von einer Referenzsprache, die in puncto Grammatik und Begriffsbildung das Grundgerüst im Hirn stellt, das sich auf weitere Sprachen anwenden lässt.

Hakan Yildiz weiß sehr gut, was damit gemeint ist. Der Deutsch-Türke, der eigentlich anders heißt, unterrichtet an einer bayerischen Mittelschule. "Ganz oft höre ich türkische Jugendliche, die weder ordentlich Türkisch noch Deutsch sprechen", sagt er. Wissenschaftler Böttger spricht von einer "doppelten Halbsprachigkeit" - die extrem problematisch ist, wenn eine weitere Sprache dazukommt. Böttger erinnert sich an seine eigene Zeit als Lehrer: "Türkische Jugendliche, die kein Konzept von Sprache hatten, waren dann vollkommen erschüttert und auch hilflos, wenn es im Englischen an das will- und going-to-future ging."

Ähnliches hat auch Lehrer Yildiz beobachtet und eine Art eigenen Muttersprachenunterricht eingeführt. "Ich erkläre den Schülern sprachliche Zusammenhänge oft auf Türkisch, wenn sie sie auf Deutsch oder Englisch nicht begreifen." Das funktioniere meistens sehr gut und sei auch mit den anderen Kindern in der Klasse so abgesprochen. Wer zum Beispiel das englische present perfect bereits verstanden hat, bekommt eine kleine Schreibübung, während Yildiz es noch einmal auf Türkisch erklärt. Natürlich sei das kein perfekter Unterricht, sagt der Mittelschullehrer, "aber mit den beschränkten Mitteln muss man eben manchmal kreativ werden".