Promotionsrecht Ein Doktor für Fachhochschüler

Universitäten verteidigen die Promotion als ihr Privileg - und lassen doch Ausnahmen zu. In vereinzelten Kooperationen werden FH-Absolventen als Doktoranden angenommen. Manchen Ländern reicht das nicht.

Von Johann Osel

Wenn René Regel vom "Behaglichkeitsfaktor" erzählt, hört sich das für den Laien erst mal recht unbehaglich an. Dann wirft der 29-Jährige mit allerlei Wortungetümen um sich - "Temperatur-Sollwerte, Luftwechselzahlen - und ruft auf seinem Rechner ein Knäuel bunter Kurven auf. Was dahintersteckt, ist aber simpel: Gebäude sollen effizienter werden und die Menschen sich darin wohlfühlen.

Konkret geht es um einen Campus mit Hörsälen, Laboren, Büros, Werkshallen - alle verschieden genutzt und gebaut, in Jahrzehnten zu einem Areal gewachsen. "Ich versuche, mir das alles energetisch transparent zu machen", sagt Regel, und die Augen hinter den Brillengläsern funkeln. Sein Ziel: eine Software, mit der auch Nicht-Wissenschaftler wie Hausmeister schnell sehen, wenn etwas mit dem Energiestatus ihrer Bauten nicht stimmt. "Konkrete Probleme in der Praxis - das ist ja Leitgedanke meiner Hochschule", sagt Regel. Und es ist Leitgedanke seiner Doktorarbeit, die der Absolvent einer Fachhochschule (FH) anfertigt. FH und Dissertation - dass das zusammenpasst, versucht er zu beweisen.

Promotionen sind seit jeher Aufgabe der Universitäten. Als FH-Absolvent auf dem Weg zum Doktor ist Regel also eine Ausnahme. Es führen keine breiten Alleen von den praxisorientierten Einrichtungen dorthin, nur Trampelpfade. Allerdings ist es politischer Wille, den besten Fachhochschülern die wissenschaftliche Weiterqualifikation nicht zu verwehren. Die Frage, die seit Jahren polarisiert, ist: Wie?

Auch an Fachhochschulen wird Forschung betrieben

Auf der einen Seite stehen die Fachhochschulen. In den Siebzigerjahren wurden sie zu akademischen Einrichtungen erhoben - Doktoranden dürfen sie aber nicht ausbilden. Das soll auch so bleiben, meinen die Universitäten. Das Promotionsrecht ist ihr nahezu heiliges Privileg, sie verteidigen es mit aller Kraft - und gern mit markigen Sprüchen. "Es kann nicht sein, Promotion und Forschung auf die billige Art und Weise zu bekommen", hat Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und Vertreter der klassischen Technik-Universitäten einmal gesagt. Nur die Unis könnten die Betreuung der Doktoranden garantieren, weil ihre Dozenten die Ausstattung und Zeit dafür hätten. FH-Professoren stehen doppelt so viel im Hörsaal wie ihre Uni-Kollegen.

Jedoch lässt sich der Aufstieg der Fachhochschulen nicht leugnen: Ihre Studentenzahl ist binnen zehn Jahren um 80 Prozent gewachsen (an den Unis in dem Zeitraum um ein Drittel); und sie betreiben stärker denn je Forschung, als reine Unterrichtsstätte sieht sich kaum ein Standort. Die Standesvertretung der FH-Professoren wünscht sich daher eigene Doktoranden. Die Lage sei ein "nicht länger hinnehmbarer Wettbewerbsnachteil".

Zwischenzeitlich hat man einen ersten Kompromiss gefunden: die Öffnung der Promotion für FH-Absolventen durch gemeinsame Kollegs - wobei am Ende nur die Uni den Titel verleiht. Die Münchner Hochschule für angewandte Wissenschaften (so der offizielle Name) und die Technische Universität (TU) kooperieren in dem Kolleg "Gebäudetechnik und Energieeffizienz", eines von zweien in Bayern. Betreut wird der Nachwuchs von einem Tandem; im Fall von Regel sind es der Uni-Professor Werner Lang und der FH-Professor Werner Jensch. "Wir sind näher am Ingenieurbüro dran, die Universität an der Grundlagenforschung. Da kann man sich wunderbar ergänzen", sagt Jensch.