Neuer Präsident der Hochschulrektorenkonferenz Der forsche Forscher

Seit Mai steht Horst Hippler an der Spitze der Hochschulrektorenkonferenz. Seinen sich selbst attestierten "Mut zur Polarisierung" beweist er auch hier mustergültig - wie etwa im Fall seiner Kritik an der Bologna-Reform.

Von Johann Osel

Man hätte es wissen können, dass da kein präsidialer Präsident kommt, keiner für den Elfenbeinturm. "Ein Präsident ist nicht dazu da, alles weichzuspülen, so dass keine Meinung mehr zu erkennen ist", sagte Horst Hippler kurz nach seinem Amtsantritt. Im Mai hatte ihn die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Sprachrohr von gut 270 Hochschulen, an ihre Spitze gewählt. Die HRK müsse mit unterschiedlichen Meinungen leben können, so Hippler: "Den Mut zur Polarisierung habe ich." Nach 100 Tagen im Amt hat der 65-jährige Professor für Physikalische Chemie das mustergültig bewiesen. Im SZ-Interview zog er kürzlich Bilanz zur Bologna-Reform. Das Ziel, dass Studenten öfter ins Ausland gehen, sei verfehlt worden; und der Sechs-Semester-Abschluss Bachelor sei eher für die Fachhochschulen geeignet, an Universitäten könne man so kaum "Persönlichkeiten" ausbilden. Seitdem steht die Reform wieder im Fokus, Hippler hat in ein Wespennest gestochen - aber damit auch seine eigenen Truppen verunsichert.

Seit Mai an der Spitze der Hochschulrektorenkonferenz: Horst Hippler (Archivbild).

(Foto: dpa)

Denn die einzelnen Hochschulen sind es, die Bologna maßgeblich umsetzen. Die Schelte vom Chef irritiert da. Neben Zustimmung erntete Hippler unter Kollegen zuletzt auch Widerspruch, etwa den Vorwurf der Schwarzmalerei. Und harsche Kritik. Der HRK-Chef nehme "für sich in Anspruch, im Namen aller deutschen Hochschulen zu sprechen", sagt der Gießener Uni-Präsident Joybrato Mukherjee. Die Äußerungen seien aber "nicht das Ergebnis einer HRK-internen Diskussion". Vielmehr ignoriere Hippler verbindliche Beschlüsse, in denen etwa die kürzere Studiendauer als Erfolg gewertet wurde. Martin Sternberg, Chef der Hochschule Bochum, meint: Hippler konstruiere unnötig einen Widerspruch zwischen der Reform und einer umfassenden Persönlichkeitsbildung. Hinter den Kulissen beginnt es zu brodeln ob des forschen Vorpreschens des Präsidenten.

Die "Stimme der Hochschulen" (Selbstdefinition HRK) ist ohnehin ein vielstimmiger Chor. Unter dem Dach rangieren Rektoren-Stars mit vielen Exzellenzmillionen im Rücken, triste Regionalstandorte, Fachhochschulen, Berufs- und Kunstakademien. Sie alle haben Bedürfnisse. Die HRK muss nicht nur Forderungen nach außen tragen, sondern auch eine Klammer nach innen sein. Hippler aber ist ein Querkopf mit Format, schon von der Statur her.

Bereits bei seiner Wahl hatte er nicht nur Freunde. Seine Universität, das Karlsruher Institut für Technologie, wird vom Bund und vom Land finanziert. Ein bisher einmaliges Projekt mit 700 Millionen Euro Jahresbudget. Prompt stellten sich die Fachhochschulen gegen ihn. Weil die Stimmenzahl in der HRK nach Größe vergeben wird, machte Hippler das Rennen. Gegen die Fachhochschulen stichelt er seitdem öfters. Es heißt sogar, Hippler nutze Bologna, um ihnen eins auszuwischen - indem er betont, der Bachelor reiche für praxisnahe Standorte. "Er macht klar, wer Koch und Kellner ist im Hochschulsystem."

Hippler kennt sich mit Gegenwind aus. 2010 unterzeichnete er als Karlsruher Rektor einen Appell, mit dem die Atomkraft-Lobby für eine Laufzeitverlängerung warb. Den Vorwurf, er habe damit die Uni pro Atomkraft positioniert, kanzelte er ab: Er habe als Privatmann unterzeichnet, sein Amt habe nur mit dabei gestanden, damit man wisse, um welchen Horst Hippler es sich handele. "Es herrscht Meinungsfreiheit, ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, mich zu rechtfertigen." Basta.

Ob diese Methode in der HRK funktioniert, wird sich bei der Vollversammlung im November zeigen. "Als HRK-Präsident kann man nicht immer warten, bis alle hinter einem herlaufen", sagt Klaus Landfried, HRK-Chef von 1997 bis 2003. Er hatte damals - ohne Wissen und zum Ärger der Kollegen - einen Vertrag mit der Max-Planck-Gesellschaft zur gemeinsamen Doktorandenausbildung geschlossen. Wichtig sei es, "am Ende wieder die Zustimmung der meisten zu gewinnen, indem man einende Themen findet". Dem führungsstarken Hippler traue er dies etwa beim Kampf der Hochschulen "gegen die Bevormundung durch die Ministerien" zu.

Intern soll Hippler vor der Wahl gesagt haben, er wolle weg vom "Harmoniegetue". Seine Vorgängerin, Margret Wintermantel, tat alles, um den Laden zusammenzuhalten, sie fuhr quer durchs Land, um Knatsch frühzeitig auszuräumen, überspielte Konflikte mit Charme. Wintermantel, die inzwischen den Deutschen Akademischen Austauschdienst führt, hat kürzlich Reporter bei sich zuhause empfangen, am Rande des Odenwaldes; man spazierte über Obstwiesen, sinnierte über Heimat in Zeiten internationaler Wissenschaft. Plaudern vorm Pflaumenbaum - für Hippler kann man sich derlei Szenen kaum vorstellen. Eher ein Streitgespräch vor dem Kühlturm eines Kernreaktors.