Nachhilfe in Deutschland Schlechte Note, gutes Geschäft

Fesche Räume und neue Computer - aber keine überprüfbaren Qualitätsstandards: Weil Schulen überfordert sind, boomt in Deutschland der Markt mit der Nachhilfe.

Von Tanjev Schultz

Die Halbjahreszeugnisse stehen bevor, viele Schüler sehen ihnen mit gemischten Gefühlen entgegen. Zuversichtlich sind dagegen die Anbieter privater Nachhilfe: "Noch ist Zeit, Defizite auszugleichen", sagt Gerd Garmaier, Chef des bundesweiten Nachhilfeverbands. Für dessen Institute beleben schlechte Zeugnisse das Geschäft, wie eine neue Studie der Bildungsforscher Annemarie und Klaus Klemm belegt: In Deutschland nehmen 1,1 Millionen Schüler regelmäßig bezahlten Unterricht. Insgesamt legen die Eltern dafür im Jahr mindestens 940 Millionen Euro hin; laut einer weniger vorsichtigen Berechnung sogar 1,5 Milliarden Euro. Besonders hoch sind die Ausgaben in Hamburg und Baden-Württemberg, eher gering in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

1,1 Millionen Kinder nehmen in Deutschland regelmäßig bezahlten Unterricht.

(Foto: Foto: AP)

Nicht genug gefördert

Für die Bertelsmann-Stiftung, die die Studie in Auftrag gegeben hat, sind diese Zahlen "ein ernstzunehmendes Signal". Offenbar hätten viele Eltern den Eindruck, dass ihre Kinder in der Schule nicht gut genug gefördert würden. In Ländern wie Kanada oder den Niederlanden sei private Nachhilfe viel weniger verbreitet. In Deutschland beginnt das Geschäft mit den Schulproblemen dagegen schon in den ersten Klassen. Bundesweit nimmt etwa jeder siebte Grundschüler Nachhilfe, heißt es in der Studie. Der Berliner Experte Dieter Dohmen, Autor einer anderen Studie zu dem Thema, hat beobachtet, dass nun zunehmend auch gute Schüler Nachhilfe nehmen, um so noch besser zu werden.

Viele Eltern staunen, was für ein großer und unübersichtlicher Markt da entstanden ist. Längst sind es nicht mehr nur ältere Schüler, Studenten oder pensionierte Lehrer, die Nachhilfe geben, sondern kommerzielle Institute mit feschen Unterrichtsräumen und neuen Computern. Aus Sicht des Nachhilfeverbands "steht außer Frage", dass der Unterricht außerhalb der Schule positive Effekte hat.

Gute und schlechte Erfahrungen

Methodisch saubere Studien dazu sind aber rar, sagen dagegen die Bildungsforscher Annemarie und Klaus Klemm. Bei 1,1 Millionen Schülern, die Nachhilfe nehmen, gibt es sicher gute und schlechte Erfahrungen.

Anne Blomeyer, Mutter von drei Kindern, ist dafür ein gutes Beispiel. Ihre beiden Töchter besuchen ein fränkisches Gymnasium, zeitweise haben sie Nachhilfe bekommen, um sich in Mathe und Latein zu verbessern. Das hat auch ganz gut geklappt.

Schwieriger ist es mit dem Sohn, der zurzeit die dritte Klasse wiederholt. Die Lehrerin empfahl der Mutter schon in der zweiten Klasse, sich um Nachhilfe zu kümmern, weil das Kind beim Lesen und Schreiben zu schwach war. "Die Schule war überfordert", ärgert sich Anne Blomeyer. Also schickte sie ihren Sohn nachmittags in ein privates Institut, monatlich kostete das die Familie gut 150 Euro. Auch der Junge war von den Extratouren genervt, mittlerweile hat die Mutter die Nachhilfe selbst in die Hand genommen und übt daheim mit ihrem Sohn.

Kommerzielles Nebenschulsystem

Die Qualität der Nachhilfe an den privaten Instituten ist oft nur schwer einzuschätzen. In einer Expertise des Bundesbildungsministeriums heißt es, "wenig bis gar keine Informationen" gebe es über die Qualifikation der Nachhilfelehrer. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat bereits gefordert, das "kommerzielle Nebenschulsystem" der staatlichen Schulaufsicht zu unterstellen. Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt, die Förderangebote an den regulären Schulen auszuweiten und so zu verbessern, dass sich Eltern die Nachhilfe sparen können.