Liberia Totalausfall bei der Englischprüfung

Offiziell ist Englisch die Amtssprache von Liberia. Nun scheiterten aber sämtliche Bewerber bei der Uni-Aufnahmeprüfung im Fach Englisch. Während das Bildungsministerium die Folgen des jahrelangen Bürgerkriegs für das Versagen der Schüler verantwortlich macht, sieht die Unileitung die Gründe anderswo.

Von Tobias Zick, Nairobi

Etwa 25.000 Schulabgänger im westafrikanischen Liberia bewarben sich für die Zulassung zum Studium an der staatlichen Universität - doch diesmal winkte die Prüfungskommission keinen einzigen von ihnen durch. Und so macht eines der am schlimmsten von einem Bürgerkrieg geschundenen Länder der Welt mit einer Rekord-Durchfallquote von 100 Prozent von sich reden. Ausnahmslos alle Bewerber seien an der Englisch-Prüfung gescheitert, erklärt der Sprecher der Hochschule, Momodu Getaweh: "Sprache besteht aus Wortschatz, Grammatik und Satzbau, aber davon haben wir einfach nichts gesehen." Das staatliche Schulsystem, so fügt er hinzu, bringe nur "Ausschuss" hervor.

Jetzt herrscht nicht nur bei Bildungsministerin Etmonia David-Tarpeh blankes Entsetzen: "Das ist wie Massenmord", sagt sie in einem Interview mit der BBC. "Ich weiß, dass wir viele Schwächen in unseren Schulen haben. Aber dass jeder Einzelne bei der Prüfung durchfällt, daran habe ich doch Zweifel." Sie fordert die Hochschulleitung, die diesmal verschärfte Aufnahmestandards angelegt und dafür eigens einen externen Berater angeheuert hatte, dazu auf, die "sozialen Gegebenheiten" Liberias zu berücksichtigen. Die Hochschule sieht das anders. "Der Krieg ist seit nunmehr zehn Jahren beendet", entgegnet Uni-Sprecher Getaweh, "wir müssen das hinter uns lassen und realistisch werden."

80 Prozent der Liberianer leben unter dem Existenzminimum

Prüfungsgutachter James Dorbor Jallah äußert im Sender Voice of America seine ganz eigene Sicht der Dinge: "Es gibt in unserer Gesellschaft die verbreitete Wahrnehmung, dass man bei der Aufnahmeprüfung der University of Liberia nicht durchkommt, wenn man nicht irgendwem Geld zahlt oder nicht die nötigen Verbindungen hat", meint er. Die Hochschule habe sich deshalb überlegt, wie man sicherstellen könne, dass "die Fähigkeiten der Leute tatsächlich anhand ihrer Leistungen bei der Prüfung bewertet werden."

Der Staat Liberia wurde im Jahr 1847 von ehemaligen Sklaven aus den USA auf dem Kontinent ihrer Vorfahren gegründet; nach einem Militärputsch 1980 verwüstete ein mehr als zwei Jahrzehnte dauernder Bürgerkrieg das Land, mehr als 200.000 Menschen starben. Unter den Folgen leidet die Region noch immer: Bis heute leben schätzungsweise 80 Prozent der Liberianer unter dem Existenzminimum, die große Mehrheit der Bevölkerung spricht ein eher unakademisches Pidgin-Englisch.

Liberias Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf, seit 2006 im Amt, wehrt sich nach dem Massen-Prüfungsdebakel gegen Kritik, sie habe bislang zu wenig getan, um das Bildungssystem des Landes in Ordnung zu bringen: "Wir haben Tausende Lehrer in unserem System", sagt sie der BBC, "und viele von denen haben gerade mal einen höheren Schulabschluss." Die Zahl der Schüler habe sich seit ihrem Amtsantritt sogar vervierfacht.

Persönlich intervenierte sie jetzt bei der Hochschulleitung, um sicherzustellen, dass die Erstsemester-Veranstaltungen nicht ganz leer bleiben. Immerhin 1800 Kandidaten sollen am Ende doch noch zugelassen werden, erklärt die Präsidentin. Nach welchen Kriterien auch immer das geschieht.