Inklusion In der Schule fallen Autisten durchs Raster

So verstörend Kinder mit Autismus auf ihre Umwelt oft wirken, so verstörend erleben diese Kinder ihre Umwelt.

(Foto: imago/photothek)

Kinder mit Autismus brauchen Unterstützung. Früher hieß das Förderschule, heute sollte das die Regelschule leisten können. Die Realität sieht anders aus.

Von Susanne Klein und Paul Munzinger

Das Schwierigste ist wohl, dass sie in keine Schublade passen. Keine Schublade, die Lehrern verrät, wie man diese Schüler in den Unterricht einbindet. Damit sie mitmachen statt zu verstummen, zuhören statt rumzuschreien und damit sie niemanden beißen, auch nicht sich selbst. Man könnte sagen: damit sie sich ins System einfügen. Genau das aber fällt Autisten so schwer. Ihre Welt folgt eigenen Gesetzen.

"Es gibt Erfolgsbeispiele, aber auch komplette Ratlosigkeit, was dann damit endet, dass das Kind die Schule wieder verlässt", sagt Heinz-Peter Meidinger. Wegen der vielfältigen Erscheinungsformen und Schweregrade von Autismus sei es illusorisch zu glauben, dass jede normale Schule jedem autistischen Schüler gerecht werden könne, so der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Ein Teil der Schulen sollte diese Expertise aber guten Gewissens anbieten können, findet er.

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Tatsächlich sind an Regelschulen, wenn überhaupt, eher Schüler mit Asperger-Syndrom anzutreffen. Wie alle Autisten haben sie Probleme, mitunter erhebliche Probleme im sozialen Kontakt, nehmen ihre Umwelt anders wahr und zeigen häufig Spezialinteressen. Sprachlich und kognitiv aber sind sie meist gut entwickelt und durchschnittlich oder überdurchschnittlich intelligent.

Doch selbst dann prallen in der Schule oft Welten aufeinander, erst recht, wenn der Grund dafür unerkannt bleibt: Sechs bis sieben von 1000 Menschen sind nach jetzigem Forschungsstand dem Autismus-Spektrum zuzurechnen, aber nur ein kleiner Teil von ihnen erhält eine offizielle Diagnose. Da sich nach der UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 alle Bundesländer zur Inklusion bekannt haben, müsste wenigstens dieser Teil an Regelschulen bestmöglich gefördert werden - von Lehrern, die sich auskennen; durch Rückzugsmöglichkeiten; wenn nötig mit Sonderstunden und Schulbegleitern, die durch den Tag helfen. So weit die Theorie.

"Die Lehrer trifft in der Regel keine Schuld"

Aus der Praxis berichten die Betroffenen, die hier zu Wort kommen - und der Bundesverband Autismus: Laut Mitgliederumfrage ist jeder fünfte Schüler mit Autismus schon mal vom Unterricht ausgeschlossen worden, für Tage, Wochen, Monate, manche für Jahre. Schulausschluss, das heißt, im Unterricht geht gar nichts mehr. Die Ursache seien in der Regel überforderte Lehrer, schreibt der Verband in seiner Zeitschrift.

"Aber, das möchte ich betonen, die Lehrer trifft in der Regel keine Schuld", sagt die Vorstandsvorsitzende Maria Kaminski. "Man gibt ihnen nicht die kleinen Klassen, nicht die zweite Lehrkraft, nicht die Weiterbildung, nicht die Hilfskräfte. Wenn sie das alles hätten, würden sie auch nicht Nein sagen zur Inklusion." Vor acht Wochen hat der Autismusverband deshalb einen Brief geschrieben, an die Kultusministerkonferenz. Die Antwort komme in Kürze, teilt die KMK auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung mit. Darin wird es wohl auch um den Förderschwerpunkt Autismus gehen. Vier nördliche Bundesländer haben ihn, der Verband möchte ihn überall verankert sehen, damit autistische Schüler nicht mehr anderen Förderbereichen zugeteilt werden müssen, etwa Sprache oder emotionale und soziale Entwicklung.

Heinz-Peter Meidinger hält das für eine gute Idee. Schon allein, um bundesweit ein passendes Ausbildungsprofil im Lehramtsstudium zu schaffen, schließlich brauche man auf autistische Schüler spezifische pädagogische Antworten. "Das Problem ist nur, dass Deutschland 16 Kultusminister hat", sagt Maria Kaminski, da sei es "äußerst schwierig" durchzukommen. Sie baut auf ihre Landesverbände, die steckten voller Energie - von Eltern, die ihre Kinder in ganz normale Schulen schicken wollen.