Hochschulzugang "Studierende ohne Abitur müssen einen riesigen Lernrückstand aufholen"

Nicht-Abiturienten haben es an der Uni schwer: Sie müssen einen enormen Lernrückstand aufholen - die meisten scheitern. Experten erwägen jetzt ein "Studium light".

Von Roland Preuß

Die Runde der Kultusminister ist nicht dafür bekannt, Utopien hervorzubringen. Wenn die Ressortchefs der 16 Länder sich auf etwas einigen, so muss man mit Formelkompromissen rechnen, mit Bürokratie-Prosa, die das Land allenfalls schrittchenweise voranbringt. Ihr Beschluss vom März 2009 klingt da wie ein Märchen aus dem Amt, eine Vision zur Öffnung der Hochschulen: Handwerksmeister und beruflich Qualifizierte mit Fortbildung sollten an allen Universitäten studieren dürfen, war da knapp und klar zu lesen. Und Absolventen einer Berufsausbildung sollten nach mindestens drei Jahren im Beruf wenigstens ein artverwandtes Fach an einer Hochschule beginnen können. Es war der Startschuss der Kultusministerkonferenz für die Öffnung des Studiums.

Der Widerhall ist allerdings bescheiden geblieben. Kamen 2009 lediglich 1,4 Prozent der Studienanfänger mit einem Berufsabschluss aber ohne (Fach-)Abitur an Universitäten und Fachhochschulen, so waren es zuletzt 2,3 Prozent - das sind ein paar Tausend mehr Meister und Gesellen. Bei gut einer halben Million Studienanfängern.

Die neue Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) verfolgt das Ziel jedoch weiter, sie möchte die Übergänge zwischen akademischer und beruflicher Bildung durchlässiger machen, wie sie kürzlich sagte. Sie will mehr Menschen mit Berufsabschluss jenseits formaler Voraussetzungen ein Studium probieren zu lassen.

"Die Lücke ist meist zu groß"

Das alles klingt gut und fair. Doch funktioniert es in der Praxis? Grundsätzlich mag der Wissenschaftsrat, wichtigstes bildungspolitisches Beratungsgremium von Bund und Ländern, ja noch zustimmen. "Wir brauchen mehr Durchlässigkeit für Studierwillige mit Berufsausbildung", sagt sein Vorsitzender Wolfgang Marquardt. Doch dann klingt schnell die Skepsis durch.

Es sei "extrem schwierig, sie in die Universitäten zu führen", sagt Marquardt. "Studierende ohne Abitur müssen einen riesigen Lernrückstand aufholen. Die Lücke ist meist zu groß - und es gibt keine Angebote, diese Lücke zu schließen. Wir brauchen mehr Einführungs- und Vorbereitungskurse, um junge Leute ohne Abitur fit zu machen für ein Studium."

Was den Leuten aus der Berufswelt sonst droht, kennt Marquardt aus seiner Praxis als Ingenieur und Professor für Prozesstechnik an der Uni Aachen: Sie fallen durch und geben auf, so wie viele Studienanfänger in technischen Fächern, auch solche mit Abitur.

Marquardt erwägt eine Art "Studium light" für die Gruppe. Man müsse die Menschen abholen, wo sie stehen - und dann vielleicht ein Studium anbieten, das nicht das volle Programm umfasse. "Gelernte Mechaniker werden sich beispielsweise in einem Ingenieurstudiengang sehr schwer tun mit höherer Mathematik - die sie später womöglich gar nicht benötigen. Hier sollten wir über geeignete Angebote nachdenken."

Wahrscheinlich ahnen viele Berufsqualifizierte, was da auf sie zukommt. Die meisten Studierwilligen wählten denn auch einen anderen Weg: sie holten erstmal an Abendgymnasien oder Fachoberschulen ihr Abitur nach.