Großbritannien Der neue Goldstandard

Zum ersten Mal erstellt Großbritannien ein Uni-Ranking. Honoriert wird nicht nur exzellente Forschung, sondern auch gute Lehre. Das Ergebnis: ein wissenschaftspolitisches Erdbeben.

Von Jan-Martin Wiarda

Sir Christopher Snowden war außer sich. "Da steckt kein Funken Logik drin", schimpfte der Rektor der Universität Southampton, eines Mitglieds im Club der führenden britischen Forschungsuniversitäten. Das neue Ranking, bei dem Southampton in der schlechtesten Kategorie landete, sei subjektiv, intransparent und lasse jegliche Gerechtigkeit und Fairness vermissen.

Dominic Shellard dagegen geriet ins Schwärmen. Das neue Ranking sei ein Wendepunkt für alle britischen Universitäten "und ein wirklicher Durchbruch für uns", sagte der Rektor der erst 1992 in den Universitätsrang erhobenen De Montfort University bei der eilig anberaumten Siegesfeier. Seine Hochschule hatte Gold gewonnen, die bestmögliche Wertung im Teaching Excellence Framework (TEF).

Dass TEF, das erste staatliche Uni-Ranking in Großbritannien überhaupt, zu einem wissenschaftspolitischen Erdbeben führen würde, hatte sich früh abgezeichnet. Schon ein Jahr bevor die Regierung Ende Juni die Ergebnisse der ersten Runde bekannt gab, tauchten in britischen Zeitungen Prognosen auf, welche Uni wie abschneiden würde. "Eine neue Hierarchie zeichnet sich ab", titelte Times Higher Education im Sommer 2016. Eine Hierarchie, die das britische Hochschulsystem auf den Kopf stellen werde.

"Viele Studenten in Oxford unterrichten sich quasi selbst", sagt der Rektor von De Montfort

Und so kam es. Von den 21 teilnehmenden traditionsreichen Forschungsuniversitäten der sogenannten Russell Group schafften nur acht Gold, zehn bewerteten die TEF-Gutachter als mittelmäßig (Silber), drei wurden mit Bronze abgestraft. Darunter: Die Universität Southampton, aber auch die weltbekannte London School of Economics. An der Spitze der Goldtabelle wiederum erschienen Hochschulen, die bei den üblichen internationalen Rankings, soweit sie da überhaupt bewertet werden, unter ferner liefen stehen. Die De-Montfort-Universität in Leicester etwa wird im aktuellen Times-Ranking zwischen Platz 600 und 800 gelistet. Und so finden sich im Lager der TEF-Kritiker nun viele von denen wieder, die normalerweise am stärksten von Rankings profitieren.

Wie kann das sein? Und ist der Ärger der Platzhirsche berechtigt?

Liz Thomas gehört zu der Gruppe der rund 20 Forscher, Studenten- und Arbeitgebervertreter, die im staatlichen Auftrag die Profile aller 231 bei TEF bewerteten Universitäten analysiert haben. Das sei sehr zeitintensiv gewesen, berichtet die Professorin für universitäre Bildung. Am Ende habe man sie alle zwei volle Wochen in ein Hotel gesteckt, "bis wir durch waren".

Der Bewertungsmarathon durchläuft mehrere Stufen. Stufe eins: die Daten. Sechs Kennzahlen bilden den Kern von TEF, darunter die drei wichtigsten Ergebnisse des National Students Survey, in dem die britischen Studenten unter anderem nach ihrer Zufriedenheit mit den Lehrveranstaltungen und der Betreuung durch die Lehrenden gefragt werden. Hinzu kommen die offizielle Studienabbrecherquote der jeweiligen Uni und zwei Statistiken zum beruflichen Erfolg ihrer Absolventen.

Stufe zwei: der Kontext. Nimmt man die absoluten Ergebnisse von Stufe eins, liegen die üblichen Platzhirsche vorn. Doch dann werden die Zahlen jeder Uni gewichtet nach den Besonderheiten ihrer Studierendenschaft: Welche Vorbildung bringen die Studienanfänger mit, wie alt sind sie, wie hoch ist der Anteil ethnischer Minderheiten, welche Fächer studieren sie? Dieses "Benchmarking" ergab für jede Uni eigene Zielgrößen. Grundsätzlich galt dabei: je besser die Voraussetzungen, desto strenger die Maßstäbe an die absolute Performance. Und plötzlich drehte sich die Tabelle: Viele der "neuen", erst 1992 durch eine Reform zur Universität aufgewerteten ehemaligen Fachhochschulen machten einen Satz nach vorn, Prestigeunis wie Oxford rutschten ab.

"Viele Studenten in Oxford unterrichten sich quasi selbst", sagt De-Montfort-Rektor Shellard und zählte als Gegenbeispiel die Statistiken seiner Uni auf: 47 Prozent der Studenten gehören zu einer ethnischen Minderheit, 18 Prozent haben eine Behinderung, ein Großteil kommt aus Nichtakademikerhaushalten. "Die TEF-Methodik ist die egalitärste Reform, die Großbritanniens Hochschulen seit Jahrzehnten erlebt haben", sagt Shellard. "Ich finde es faszinierend, dass eine konservative Regierung sie durchführt."

Ehrengast bei der Siegesfeier war übrigens Jo Johnson, Parlamentarischer Staatssekretär für Wissenschaft, jüngerer Bruder des britischen Außenministers Boris Johnson und Kopf hinter dem Framework. Johnson pries De Montfort und verkündete: "TEF erinnert die Hochschulen an die Bedeutung der Lehre, damit sie die Qualität verbessern und ihr den gleichen Status wie der Forschung geben." Zu Southamptons Rektor hatte er sich ein paar Tage vorher bei der Siegesfeier einer anderen Gold-Universität geäußert: "Ich glaube, dass die Rektorengehälter zu hoch liegen, das schadet der Moral ihrer Mitarbeiter" - und nannte Snowden, der 350 000 Pfund im Jahr verdient, als konkretes Beispiel.

Ungewöhnlich gehässig sei das gewesen, sagt Nick Hillman, Direktor des unabhängigen Thinktanks Higher Education Policy Institute. Den Ärger der Platzhirsche hält er dennoch für übertrieben. "Studienanfänger haben das Recht auf eine Orientierung, wo sie gute und für sie passende Lehrangebote finden. Die herkömmlichen Forschungsrankings bieten die nicht." Die Kritik an der Methode sei scheinheilig, die Universitäten hätten seit vielen Monaten gewusst, was auf sie zukomme, und seien in die Entwicklung von TEF miteinbezogen gewesen. "Ist die Methode perfekt? Sicher nicht", sagt Hillman. Bislang messe TEF Kennwerte, die lediglich indirekt mit der Qualität der Lehre zu tun hätten. "Wir haben nichts Besseres", sagt Hillmann, "aber TEF ist ein Anfang, eine Motivation, die Exzellenz von Lehre messbar zu machen."

Auch deshalb, sagt Liz Thomas, sei die TEF-Bewertung mit Stufe zwei, dem sogenannten Benchmarking, noch nicht zu Ende. Es folgt Stufe drei, die Thomas und andere Experten als "entscheidende und zugleich kontroverseste Neuerung" bezeichnen: Die Daten jeder Uni wurden noch mal abgeklopft, indem sich die Analysten die einzelnen Studentengruppen anschauten. Wie stark unterschieden sich die TEF-Ergebnisse abhängig vom Geschlecht, der ethnischen oder der sozialen Herkunft? Je stabiler gute Werte über die gesamte Studierendenschaft einer Universität waren, desto besser. Und schließlich Stufe vier: Alle Universitäten mussten ein maximal 15-seitiges Begleitschreiben einreichen, in dem sie ihre Studierendenschaft und die daraus resultierende Lehrstrategie erklären. "Es ging uns nicht nur um die Zahlen", sagt Thomas. Von einem "holistischen", also ganzheitlichen Verfahren spricht sie. Tatsächlich wurden einige Universitäten aufgrund ihrer Papiere auf- oder abgewertet.

Eine konservative Regierung also als Vorkämpferin der Egalität? Einen Haken hat die Sache: Ein gutes Abschneiden bei TEF soll Voraussetzung für die Universitäten sein, um ihre Studiengebühren weiter erhöhen zu dürfen. Sie liegen schon jetzt im Schnitt bei 9000 Pfund. Wegen dieser Pläne hatten die Studentenvertreter der National Union of Students zum Boykott des National Student Survey aufgerufen, deren Ergebnisse in TEF einfließen.

Universitäten der elitären Russell Group haben Widerspruch gegen ihre Bewertung eingereicht

Das Gesetz, das neben TEF weitere Reformen in Gang setzte, stieß auch im Parlament auf heftigen Widerstand. Das Oberhaus akzeptierte es Ende April erst, nachdem die Regierung den Studiengebühren-Mechanismus auf 2020 verschoben und zudem von einer vorherigen Evaluation abhängig gemacht hatte.

Während die Debatte in den britischen Medien weitergeht, ist einer neuerdings wortkarg. Sir Christopher Snowden von der Universität Southampton lehnt seit einigen Tagen Interviewanfragen ab. Wie andere Russell-Group-Universitäten hat auch Southampton beim TEF-Panel offiziell Widerspruch eingereicht. Bis diesen Dienstag müssen sie darlegen, warum sie ihre Bronze-Bewertung für unfair halten. Bis dahin wolle Snowden sich nicht öffentlich äußern, sagt sein Sprecher.

Snowdens Kollege Dominic Shellard ist umso gesprächiger. Er hat gehört, dass in Deutschland über die Zukunft der Hochschulfinanzierung nach 2020 gestritten wird. Dann läuft der Hochschulpakt aus, mit dem der Bund Milliarden an die Hochschulen transferiert. "Falls die Politik bessere Lehrqualität fördern möchte, könnte TEF ein geeignetes Vorbild sein", sagt Shellard - und bietet schon mal an, zur Beratung nach Deutschland zu kommen.

Tatsächlich könnte er auf offene Ohren stoßen. Anfang Mai erst hat der Wissenschaftsrat, das wichtigste hochschulpolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern, ein umfangreiches Positionspapier veröffentlicht. Titel: "Strategien für die Hochschullehre". Der Bildungsforscher und ehemalige Wissenschaftsratsvorsitzende Manfred Prenzel hatte die Federführung. Auf TEF angesprochen, lobt Prenzel die "entwicklungsfähige Methode", "den mutigen Ansatz, der Lehre endlich mehr Achtung zu verschaffen". Kurzum: "Das ist eine Idee, die man auch in Deutschland in Betracht ziehen sollte."