Gemeinsamer Unterricht mit Förderschülern Frontalunterricht hat ausgedient

Auch der alte Frontalunterricht, in dem der Lehrer vorne steht und in die Runde fragt, hat weitgehend ausgedient. Jan Wesseling unterrichtet die 5c in Deutsch, es geht um Familienfeste. Zwei seiner 17 Schüler sind Förderkinder - und Claudia Meier, die zweite Lehrerin in dieser Stunde, ist Sonderpädagogin. Sie teilen zwei Blätter aus, eines mit dem Text, eines mit den Fragen.

Diana, ein Mädchen aus einer Zuwanderer-Familie, liest vor, sie stolpert sich durch die Sätze, liest "doppelt" statt "poltert", aber sie gibt nicht auf. Wesseling erklärt die Fragen. "Dann haben wir noch die Sternchen-Aufgabe", sagt er. "Wer schnell ist, kann die auch noch beantworten." Es ist die Herausforderung für die Leistungsstarken, die schwierigste Aufgabe: Sie sollen den Text in eigenen Sätzen zusammenfassen.

Die Kinder sitzen in Vierer- und Sechsergruppen zusammen, Wesseling geht von Tisch zu Tisch, seine Kollegin kniet bei Malek, einem Förderkind. "Lies mal richtig, mit Silben, du kannst das doch!", sagt Meier. Der Junge versteht erst mit ihrer Hilfe, dass es in dem Text um einen Hund geht. "Was ist das für ein Buchstabe? Kennst du das Wort?" Einzeltraining im Klassenzimmer. Was seine Mitschüler über Malek denken, ist unterschiedlich.

Die leistungsschwachen Kinder profitieren

Er habe auch mal Förderunterricht gehabt, sagt Lenni. An bestimmten Tagen hätten die Förderkinder eben Nachhilfe, Malek falle nicht auf. "Hier ist das eigentlich ganz normal." Zwei Mädchen sagen dagegen, dass Malek "laut und frech" sei. "Der stört ganz oft den Unterricht." Malek selbst findet es gut, in der Klasse zu sein. "Ich sehe so meine Freunde aus der Grundschule wieder."

Das ist die positive Seite. Anhänger und Kritiker der Inklusion in der Oberschule sind sich da einig: Die leistungsschwachen Kinder profitieren. Die negative Seite hört man von anderen Kollegen, Werner Geschonke zum Beispiel. Er unterrichtet in der 5b Mathematik - und zwar meistens alleine. Denn die Sonderpädagogen stehen den regulären Lehrern nur in zwei der fünf Wochenstunden zur Seite. Seit er auch Förderkinder unterrichtet, wird er nachts wach und fragt sich, ob er die richtigen Arbeitsblätter hat; er kann ja nicht mehr allen die gleichen Aufgaben stellen. "Ich fühle mich überfordert", sagt der 61-Jährige.

Geschonke und seine Kollegen wurden auf die Herausforderung vorbereitet, es gab eine Fortbildung, fünf Tage lang. Die Lehrer entwarfen vor allem neues Material, sagt Geschonke, Arbeitsblätter und so was. Damit jeder Schüler passgenau gefordert ist. Doch das Material reiche nicht, die Verlage würden jetzt erst die passenden Bücher liefern. Wenn Geschonke das Material vergisst, rufen die Förderkinder: Ich kann es nicht, was soll ich jetzt machen? "Wir sind nicht richtig vorbereitet - die Inklusion nimmt mir die Zeit, mich intensiv mit den Schülern zu beschäftigen."

In der Praxis fehle oft der zweite Lehrer, sagt sein Kollege Heiko Frerichs, der zugleich Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) in Bremen ist. "Man ist in diese Reform eingestiegen und hat viele Voraussetzungen nicht bedacht." Es reiche nicht, die Lehrer von den Fördereinrichtungen an reguläre Schulen zu versetzen und darauf zu vertrauen, dass die Schülerzahlen sinken - und damit mehr Lehrer frei werden für die Aufgabe. In Nebenfächern wie Politik oder Kunst ist gar kein zweiter Lehrer vorgesehen.

Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) hat nach Protesten von Lehren und Eltern zugesagt, dass es zusätzliches Geld für Bildung geben soll. Es könnte also mehr Lehrer geben, sicher ist das nicht. Die Inklusion dürfte teurer werden als gedacht. Deutlich mehr Stellen werden im klammen Bremen auf absehbare Zeit aber wohl nicht drin sein. Teamarbeit soll den Lehrern stattdessen die Arbeit erleichtern, abends sitzen die Kollegen der Oberschule nun oft zusammen und bereiten den Unterricht vor. "Aber nicht alle Lehrer wollten sich umstellen und nicht alle sind Teamarbeiter", sagt Vera Mangels, die in der Schulleitung für Förderpädagogik zuständig ist.

Jede Revolutionhat ihre Verlierer. Bei dieser sind es die Lehrer, die nun die Inklusion alleine stemmen sollen, einen völlig neuen Unterricht entwickeln. Ist das realistisch, neben dem laufenden Unterricht? Nach fünf Tagen Fortbildung? Es ist vor allem sehr viel mehr Arbeit. So sehen das Geschonke und Frerichs.

Kinder sind gnadenlos ehrlich, manchmal auch brutal

Die zweiten Verlierer sind leistungsstarke Schüler. "Ich kann die Begabten nicht mehr so fördern wie früher. Der Fokus liegt auf den Schwachen", sagt Frerichs. "Ich will doch auch möglichen Real- und Gymnasialschülern gerecht werden", sagt Geschonke. Das theoretische Ziel, jedem Schüler gerecht zu werden, egal ob er zurückliegt oder begabt ist, wird in der Praxis oft nicht erreicht.

Und dann ist da noch ein Punkt. Denn Kinder sind nicht nur gnadenlos ehrlich, sondern manchmal auch gnadenlos brutal. Manche mobben die Förderschüler. "Die sind frech, die riechen vielleicht komisch und werden dann auch nicht nach Hause eingeladen", sagt die Deutschlehrerin Vera Mangels.

Vielleicht muss sich das erst einspielen, müssen sich auch die Kinder daran gewöhnen, dass es da Schüler gibt, die anders sind, langsamer, behindert, aggressiv. In der 5c jedenfalls lässt sich schon ein Fortschritt vermelden, da, wo sich Vanessa und Leonie über den frechen Malek beschwert haben. Mit Amanda seien sie befreundet, obwohl sie ein Förderkind sei, erzählen die Mädchen. "Macht ja nichts, die sind ja trotzdem nett."