Gemeinsamer Unterricht mit Förderschülern Sonderschule ade

Bald sollen in Deutschland behinderte Kinder keinen getrennten Unterricht mehr besuchen. Doch kann das funktionieren? Können leistungsstarke Schüler und solche mit Handicap zusammen lernen? Besuch an einer Modellschule in Bremerhaven.

Von Roland Preuß

Kinder können gnadenlos ehrlich sein. Mirelle findet es "scheiße", dass Förderkinder in ihrer "normalen Klasse" sind. "Das sagen die Eltern, aber das finde ich auch so." In Förderschulen könnten Kinder mit den gleichen Problemen zusammen unterrichtet werden. "Die verstehen Mathe nicht", sagt Mirelle. Ihr Klassenkamerad Nilo meint: Die Kinder sollten erst mal auf der Förderschule besser werden "und dann zu uns kommen". Der Unterricht sei wegen der Förderkinder aber besser, wirft Frederik ein. Auf seiner alten Schule habe der Lehrer einfach Aufgaben an die Tafel geschrieben und sie lösen lassen. "Jetzt wird es erklärt", sagt Frederik, der in Wirklichkeit anders heißt, so wie alle Kinder in dieser Geschichte.

Es sind die Stimmen von Kindern, aber um deren Zukunft geht es ja, auch an diesem Mittwochmorgen in der 5a der Carl-von-Ossietzky-Oberschule in Bremerhaven. Wer sich unter den Lehrern der Schule umhört, erhält ein ähnlich breites Spektrum, wenn auch mit gewählteren Worten. Inklusion heißt das Reizwort. Es weckt Begeisterung und Abscheu, Aufbruchstimmung und ein Ächzen darüber, was einem die Politiker da wieder eingebrockt haben. Aber dazu später.

Die Carl-von-Ossietzky-Oberschule ist ein Betonkomplex, ein paar grün-blaue Wände lockern das drückende Grau auf. Innen aber wird es bunt und das nicht nur optisch. Dies ist eine Vorreiter-Schule in einem Vorreiter-Bundesland. Bremen treibt die Inklusion rasch voran, hier geht gut die Hälfte aller Kinder mit geistigen oder körperlichen Behinderungen, Lernschwäche, auffälligem Verhalten oder anderen Einschränkungen in Klassen mit regulären Schülern, mehr als irgendwo sonst in der Republik.

Stille Revolution

Damit ist der Stadtstaat, der sonst gerne auf den letzten Plätzen der Schultests dahindümpelt, spitze: Denn die Inklusion ist ein erklärtes Ziel aller Kultusminister. Was in Bremen passiert, könnte bald bundesweit Praxis werden. Es geht um fast 490.000 Kinder mit Förderbedarf.

Die stille Revolution begann 2009. Da trat in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft, die Menschen mit Handicap ein Leben ohne bürokratische Schranken ermöglichen soll, mitten in der Gesellschaft. Die Staaten müssen nun garantieren, dass Menschen mit Behinderungen nicht "vom allgemeinen Bildungssystem" und auch nicht vom "Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden". Also werden die Förderschulen, die früher Sonderschulen hießen, aufgelöst, ihre Schüler und Lehrer in die regulären Klassen versetzt.

Kann das funktionieren? Können leistungsstarke Schüler, die das Zeug fürs Abitur haben, Förderschüler mitziehen? Oder ziehen die Förderschüler den ganzen Unterricht nach unten?

Wer die Leitung der Carl-von-Ossietzky-Schule danach fragt, bekommt erstaunliche Antworten. Vier Pädagogen haben sich an diesem winterlichen Vormittag versammelt, um ihren Weg zur Inklusion zu beleuchten. Seit drei Jahren setzt man hier auf gemeinsamen Unterricht, als erste Schule in Bremerhaven. Die Klassen 5 bis 7 haben die Förderkinder schon aufgenommen. Nebenan ist noch die alte Förderschule, der aber nun die Schüler ausgehen. 2016 soll sie ganz in der Oberschule aufgehen.

Wiederholen und Förderschule sind abgeschafft

Die Eltern und die Schüler "sind viel zufriedener", sagt der Rektor, Rainer Steinfeldt. Auf die Fähigkeiten der einzelnen Schüler werde mehr eingegangen. Wo die Lehrer früher aussiebten, Schüler auf die Förderschule schickten oder die Klasse wiederholen ließen, da muss der Pädagoge heute fördern. Er wird sie nicht mehr los. Wiederholen und Förderschule sind abgeschafft.

Steinfeldt registriert weniger Prügeleien, obwohl verhaltensauffällige Kinder unter den Förderschülern sind. "Die Schüler sind so integriert, dass sie mitgezogen werden", sagt der Deutschlehrer Heiko Frerichs, Mitglied der Schulleitung. Die Inklusionsschüler, wie die Kinder mit Behinderung oder Lernschwächen im Beamtendeutsch heißen, profitieren.

Doch Bremen zeigt auch, dass es um viel mehr geht als um eine Fusion der Schularten. Leistungen werden ganz anders bewertet, die herkömmliche Klassenarbeit stirbt aus. Die bekannten Noten gibt es nicht mehr - wie auch, wenn gymnasialreife Kinder mit lernschwachen an einer Prüfung sitzen, Kinder, die in der fünften Klasse einfache Texte noch nicht verstehen, mit solchen, die schon spannende Aufsätze zu Papier bringen.

An der Oberschule gibt es nun drei "Anforderungsprofile", in denen die Schüler ein bis vier Kreuzchen erzielen können. Es zählt, wie gut das Kind innerhalb seines Profils vorwärtskommt. Ein klassenweiter Vergleich der Leistung ist kaum mehr möglich. Mathias Brodkorb, SPD-Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern, nennt Inklusion denn auch "Kommunismus für die Schule".