Aufklärung in der Schule Ein großes Fass voller Unwissen

Auf einem Tisch steht ein schwarzer Koffer, vollgepackt mit Kondomen, Holzpenissen und Schwangerschaftstests. Schulunterricht sieht normal anders aus, alleine schon wegen der vielen dummen Sprüche. Manchmal sind sie auch richtig derb. "Aber das ist okay", sagt Charlotte, "sie sollen ja offen reden." Die Mädchen an der Realschule machen das Ganze an diesem Tag übrigens auch, nur separat im benachbarten Klassenzimmer. "Sonst sagen die ja gar nichts", meint die Dozentin.

Aber braucht es das alles wirklich? Reden über Sex, Liebe, Pornos - ohne ein Blatt vor dem Mund? Das üppige Sex-ABC legt schließlich nahe: Die Schüler wissen doch ohnehin schon alles. Charlotte steht jetzt vorne und fixiert die Klasse. "Wie oft gibt es einen Eisprung?", fragt sie. "Einmal im Jahr", schätzt einer. "Dreimal im Monat", ein anderer. Eine Stunde ist vorbei und klar ist, wie viel bewegte Bilder die Jungen schon gesehen haben. Aber Mustafa, André und die anderen Jugendlichen hocken da und kratzen sich bei vielen Themen immer wieder am Kopf - keine Ahnung. "Gegen Aids kann man sich doch eh impfen", rät einer. Charlotte verdreht die Augen - Zeit für Grundlegendes.

Die Welt der Schüler ist den Studenten noch nicht fremd, anders als vielleicht im Falle des Biologielehrers. "Peer-Education" nennt sich das Prinzip, Erziehung durch ungefähr Gleichaltrige: "Die Schüler öffnen sich uns", sagt Charlotte, seit ihrem ersten Semester ist sie schon dabei. An der Münchner Realschule sind heute neun Studenten im Einsatz, die ganze achte Jahrgangsstufe ist dran. Zwar meint Robert Angeli, der verantwortliche Lehrer: "Vielleicht ist es ein bisschen spät." Andererseits machen die Schüler große Augen, wenn plötzlich HIV an der Tafel steht.

"Gerade die Jungs hatten schon viel sexuellen Input, vor allem aus dem Internet", sagt Charlotte. Aber die Erwartungen an Sex seien völlig falsch. Und auch von Krankheiten und Verhütungsmethoden hat kaum einer Ahnung. Als Charlotte und Jascha die Kondome austeilen, jeder eines, zum Überstreifen auf das Stuhlbein, ist das Vertrauen da: "Die Schüler sehen uns ja im Normalfall nie wieder", sagt Jascha, "deswegen gibt es auch keine Scheu." Die Studenten werden mit Fragen überhäuft, und genauso ist das gedacht. Vaginismus, was ist das? Wie bekommt man Hodenkrebs, was ist eine Hodentorsion? "Verdrehte Hoden", sagt Mustafa danach, "krass."

Sie selbst hätte sich früher so einen Besuch in der Schule gewünscht, sagte Charlotte. Auch sie hatte als Mädchen keine Ahnung, die Verunsicherung machte ihr Angst. Heutigen Schülern soll es anders gehen. Viele der beteiligten Studenten engagieren sich auch gerne, um mal weg vom Schreibtisch zu kommen, raus aus der Klinik. Charlotte will später als Urologin arbeiten. Was am Ende hängen bleiben wird, wenn die Studenten die Koffer packen und die Tafel wischen, ist ungewiss. Zumindest der realistische Umgang mit Sexualität wäre ein schöner Effekt, hoffen sie. Und tatsächlich kommen nach fünf Stunden Spielen, Diskutieren und pubertären Sprüchen auch Fragen wie diese: "Wie lange sollte man warten fürs erste Mal?" Die Jungen aus der achten Klasse sind da für einen Moment ganz still.