Wirtschaft Für den Spieltrieb in geordneten Bahnen

Schwarz oder rot? Die Wirtschaftszahlen der bayrischen Spielbanken kennen oft nur eine Farbe: Rot. Doch die Häuser sollen auf jeden Fall erhalten bleiben.

(Foto: Mauritius)

Bayerns staatliche Casinos sind 2017 wieder ins Minus gerutscht. Bad Wiessee sticht aus den anderen acht Häusern heraus

Von Johann Osel, Bad Wiessee/München

Gegen zehn Uhr abends, am Roulettetisch in der Spielbank Bad Wiessee, kann es vorkommen, dass ein Croupier auf die Uhr blickt und zu seinem Kollegen murmelt: "Gleich kommen sie!" Wer dann kommt, das lässt sich von der Terrasse aus gut beobachten: Blickt man - auch wenn das schwer fällt - nicht mehr auf den herrlichen Tegernsee, sondern auf das Parkhaus, sieht man Limousinen einrollen. Minuten später stehen beim Roulette und sitzen beim Black Jack viele arabische Touristen - und auf dem Tisch liegen plötzlich auch eckige statt runde Jetons, die ganz großen Beträge. Die Nähe zu München und ausländische Touristen sind der Grund, dass sich die staatliche Spielbank Bad Wiessee rentiert: 150 000 Gäste zählte man 2017, der "Bruttospielertrag" (Einsätze minus Gewinne) lag bei 18,6 Millionen Euro; abzüglich aller Kosten blieben sechs Millionen Euro Überschuss.

Damit sticht Bad Wiessee aus den meisten der insgesamt neun Spielbanken heraus. Andernorts hat man sich längst an rote Zahlen gewöhnt. Das zeigen interne Zahlen für 2017, die das Finanzministerium auf SZ-Anfrage mitteilt. Es gibt drei Standorte mit Ertrag: außer Bad Wiessee Feuchtwangen unweit von Nürnberg und Garmisch-Partenkirchen in Münchner Reichweite. Das andere halbe Dutzend hat gut elf Millionen Euro Miese gemacht: Bad Reichenhall (Oberbayern), Bad Steben (Oberfranken), Bad Füssing (Niederbayern), Bad Kissingen (Unterfranken), Lindau (Schwaben) sowie Bad Kötzting (Oberpfalz) - mit 2,9 Millionen Euro minus Schlusslicht. Es sind Bayerns Randlagen mit schmalem Einzugsgebiet und meist Kurpublikum, das eher nur Zwei-Euro-Jetons einsetzt; dazu nah an Österreich oder Tschechien, wo Zutritts- und Raucher-Regeln lockerer sind.

Alles in allem steht ein Minus von drei Millionen Euro in der Bilanz aller neun. 2016 hatte es erstmals wieder ein minimales Plus aller Casinos gegeben - dieses erklärt das Ministerium auch mit einem einmaligen Sondereffekt bei der Umsatzsteuer; 2017 hat man aber die Spielbankabgabe, von der auch die Kommunen profitieren, leicht gesenkt. Rückläufig ist zudem die Zahl der Gesamtbesuche in Casinos, 2017 waren es 669 300. Die Verluste lagen aber auch schon mal höher. Das Ministerium verweist auf Restrukturierungen seit 2011; so sei der Personalstand auf 617 Stellen reduziert worden. Eine Art Spargrenze bedingt der hohe Aufwand etwa für das französische Roulette - mit zwei Kräften pro Tisch, deren Konzentrationskraft nur durch Pausen erhalten bleibt. Zugleich versucht man die Attraktivität der Häuser zu steigern, als Kulturzentren mit Konzerten, Tanz oder feiner Küche. Pokerturniere, allgemein im Trend, sollen Jüngere locken.

Kritiker stellen regelmäßig die Grundsatzfrage: Sind die staatlichen Einrichtungen noch zeitgemäß, sind die Defizite zu Lasten des Steuerzahlers zu rechtfertigen? Laut Spielbankgesetz gibt es die Casinos, um "den natürlichen Spieltrieb der Bevölkerung in geordnete und überwachte Bahnen zu lenken". Vor dem Hintergrund sei die bayernweite Präsenz zu sehen, heißt es aus dem Ministerium. So werden die Daten der Gäste erfasst, Mitarbeiter achten auf problematisches Spielverhalten. Allerdings: Angesichts der Dichte von Automatenhallen gerade in Großstädten und des florierenden Online-Marktes sind die Casinos heute rein als Regionalförderung zu betrachten - was nicht anstößig ist, im Gegenteil: Jeder Bürgermeister hängt zu Recht an seiner Spielbank, weil sie als Attraktion heraussticht aus der Masse der Kurorte.

Als die FDP noch im Landtag saß, kam von ihr die Idee, die Häuser zu privatisieren und als Anreiz für Investoren Lizenzen für München, Nürnberg und Augsburg draufzulegen - wo ja Spieler wären, deren Spieltrieb man lenken könnte. Das lehnt die Regierung ab, ebenso eine Schließung defizitärer Standorte. Finanzminister Albert Füracker (CSU) sagt: "Wir betrachten alle unsere Spielbanken als Gesamtheit - die wirtschaftlich Starken wie die Schwächeren erfüllen zusammen wichtige Aufgaben. Eine Schließung einzelner Spielbanken ist daher kein Thema."