Untersuchung zu Missbrauch im Kloster Ettal 150 Seiten voll harter Wahrheit

Schläge, sexuelle Übergriffe und eisernes Schweigen: Eine Studie versucht zu erklären, wie es im Klosterinternat in Ettal zu all jenen Fällen von Missbrauch und Gewalt kommen konnte - und warum es so lange dauerte, bis die Quälereien ans Licht kamen.

Von Matthias Drobinski

Nein, zur Selbstdarstellung nutzt Abt Barnabas Bögle den Moment im Münchner Presseclub nicht. Er liest seine Erklärung ab, wägt die Worte, vermeidet Pathos, und doch dringt ein bisschen Stolz durch. Die Studie des Münchner Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) sei ein "wichtiger Schritt" zur Aufarbeitung des Geschehenen, sagt er. Neben ihm sitzt Robert Köhler, der Vorsitzende des Ettaler Opfervereins und sagt: "Der Bericht trifft, was wir erlebt haben." Nein, vorschnelle Versöhnung kann es nicht geben, das sagt der Abt, das sagt der Vertreter der Opfer. Köhler und Bögle vereint im gemeinsamen Anliegen an einem Tisch - vor drei Jahren wäre das unmöglich gewesen. Das Kloster ist einen weiten Weg gegangen. "Der Weg ist kein leichter gewesen", sagt Bögle, "auch für mich nicht."

Es sind harte Wahrheiten, zusammengefasst auf 150 Seiten, die Heiner Keupp und Florian Straus vom IPP da Abt Bögle übergeben. Zwei Untersuchungsberichte gibt es bereits über die Gewalt vor allem im Internat der Benediktiner. Die Juristen Thomas Pfister und der ehemalige Verfassungsrichter Hans-Joachim Jentsch haben vor allem rekonstruiert, was geschehen ist - Keupp und das Team vom IPP haben herauszufinden versucht, warum in Ettal geschlagen wurde und sexuelle Übergriffe passierten, warum damals niemand die Gewalt stoppte und es so lange dauerte, bis sie ans Licht der Öffentlichkeit kam. 41 lange Interviews haben die Forscher geführt, mit Opfern und den noch lebenden Tätern, aber auch mit Mitschülern der Opfer, mit Eltern, den Mönchen.

Angst vor der Macht der Mönche

Zwei Wahrheiten begegneten den Interviewern: Da waren die Schüler, die begeistert von der schönsten Zeit ihres Lebens erzählten. Und da waren die anderen, für die das Internat die Hölle war. Ettal war bis zum Ende der 80er Jahre schön für die Starken - doch wer schwach war, auffiel, der geriet in ein System der Gewalt, aus dem es kein Entkommen gab, in dem ein Kind furchtbar allein war.

Es schlugen die Erzieher. Die einen, weil sie hilflos waren, jung, nicht ausgebildet, allein mit ihrem eigenen Leben, oft als ehemalige Ettaler Schüler selber Opfer von Gewalt - oder auch aus Sadismus, den sie in Ettal ausleben konnten. Es schlugen aber auch die Schüler: Gewalt galt als normal, die Mönche selber delegierten öfters Strafen. Wer weinte und Nähe brauchte, den tröstete Pater Magnus - und lud zum Nacktschwimmen ein. Beklagten sich die Opfer bei den Eltern, bekamen sie zu hören, dass sie die Schläge wohl verdient hätten, zu Hause herrschte die Angst, das Kind könnte von der Schule fliegen, die Angst vor der Macht der Mönche.

Es hätten sich "Ringe des Schweigens" über die Taten gelegt, heißt es in dem Bericht, "in ihrem Zusammenwirken" hätten sie verhindert, dass die Wahrheit ans Licht kam. Das Kloster, so sagt Keupp, sei ein "Sonderbezirk" gewesen, mit einem "institutionellen Narzissmus": Wichtig war es, das Ansehen des Klosters zu schützen, die eigenen Probleme zu verbergen, Beschwerden diskret versanden zu lassen.

Hinzu sei gekommen, so heißt es in der Studie, dass "in der katholischen Welt eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Sexualität durch vielfältige Tabus erschwert" werde. In der Sozialisation der Mönche habe das Thema keine Rolle gespielt, "allenfalls wurde vor der Sexualität gewarnt" oder sie wurde "der angstbestimmten Selbstkontrolle überantwortet".

"Die wirkliche Reue der Täter steht noch aus."

Es gibt viel Lob an diesem Nachmittag für das Kloster und seinen Mut, sich der Vergangenheit und den eigenen strukturellen Problemen zu stellen - das sei bundesweit vorbildlich, sagt Keupp. Sein Kollege Straus sagt aber auch: "Die wirkliche Reue der Täter steht noch aus." Sie beschäftigten sich durchaus mit ihren Taten, doch "sie begreifen nicht wirklich, was sie angerichtet haben".

Nein, die Aufarbeitung ist noch nicht zu Ende, auch nicht mit diesem Bericht, sagt Robert Köhler, sagt der Abt. Schule und Internat brauche ein klares Leitbild, empfehlen die Forscher; die Mönche müssten stärker im Team arbeiten und so die Überlastung Einzelner vermeiden. Es müsse offener über Fehler geredet werden, und, ganz wichtig, die "glaubwürdige Verständigung mit den Opfern" müsse weitergehen. "Es reicht nicht zu sagen: Es tut uns leid", sagt Straus.

Auch deshalb schließt sich das IPP dem Wunsch des Opferverbandes an: Es solle ein Ort des Gedenkens in der Schule entstehen, mit Informationen, aber auch Raum für Trauer oder Zorn. Das Kloster hat zugesagt, gemeinsam mit den Opfern nach einer passenden Form zu suchen.