Tittling Galaktischer Schauder

Die kleine Gemeinde Tittling hat sich im Operettenfach eine Art Kultstatus erarbeitet - woran Neil Armstrong seinen Anteil hat

Von Hans Kratzer, Tittling

Der 16. März 1985 ist in den Annalen von Tittling dick unterstrichen. An jenem Tag stattete nämlich der Astronaut Neil Armstrong, der 1969 als erster Mensch den Mond betreten hatte, der kleinen Bayerwaldgemeinde kurzerhand einen Besuch ab. Vorher hatte er das vom Tittlinger Unternehmer Georg Höltl (Rotel Tours) gegründete Glasmuseum in Passau besucht. Dort ist Höltls Privatsammlung von böhmischem Glas des 18. bis frühen 20. Jahrhunderts zu sehen. Günther Hödl, der einstige Kämmerer der Gemeinde Tittling, hat diesen Tag nicht vergessen. "Wir haben dem Neil Armstrong sogar ein Standerl gesungen", erzählt er lachend. Schon diese kleine Episode zeigt, welch eine herausgehobene Bedeutung die Musik und der Mond für Tittling besitzen.

In diesem Januar ist diese innige Beziehung in dem zwischen Passau und dem Nationalpark Bayerischer Wald gelegenen Erholungsort wieder aufgeflammt, und zwar mit einem bemerkenswerten Spektakel der leichten Muse, dargeboten vom Liederkranz Tittling. Dessen kulturelle Potenz steht ganz konträr zu seinem vielleicht etwas biederen Namen. Ungeachtet dessen zeigt der Liederkranz jedenfalls die trotz ihres Alters immer noch schmissige Operette "Frau Luna", in deren finalem Verlauf tatsächlich die Figur des Astronauten Armstrong auf die Bühne der Dreiburgenhalle einschwebt und der faszinierenden Mondfrau Luna galant die Hand reicht. Spätestens bei dieser Szene beschleicht selbst die abgebrühtesten Zuschauer ein galaktischer Schauder, wie man ihn im Erholungsort Tittling keineswegs erwarten würde.

Tittling ist bekannt durch den Dreiburgensee sowie durch das Museumsdorf Bayerischer Wald. Sogar deutsche Geschichte wurde hier geschrieben. Der damalige Bundespräsident Theodor Heuss unterzeichnete nämlich anno 1954 während eines Urlaubs in Tittling einen Vertrag, der für Westdeutschland von größter innen- und außenpolitischer Wichtigkeit war. Durch die Unterschrift von Heuss trat die Bundesrepublik neun Jahre nach dem Krieg den Genfer Konventionen bei, denen zufolge verwundete Soldaten, Kriegsgefangene und die Zivilbevölkerung von Kriegsgräueln verschont bleiben sollen.

Themen von dieser Schwere und Bedeutung bilden im Tittlinger Gemeindeleben aber eine Ausnahme. Für eine heitere Grundstimmung sorgen unter anderem die alle zwei Jahre vom Liederkranz präsentierten Operetten, deren Ruhm weit ins Land hinausstrahlt. Es ist ja nicht zwangsläufig so, dass musikalische Ereignisse in einer Gemeinde mit 4000 Einwohnern automatisch überregionale Beachtung finden. Die Tittlinger Musikszene aber verfügt über dieses Potenzial - nicht zuletzt, weil die Protagonisten Jahrzehnte lang intensiv daran gearbeitet haben, auch als Laientheater professionelle Ansprüche zu befriedigen. Im Operettenfach genießen die Tittlinger mittlerweile eine Art Kultstatus.

Der Liederkranz "Dreiburgenland" Tittling dürfte der einzige Laienverein in Deutschland sein, der regelmäßig, und das seit nunmehr mehr als 30 Jahren, in der Lage ist, Singspiele und Operetten mit 150-köpfiger Besetzung überzeugend auf die Bühne zu wuchten. Wie gut dieses Konzept aufgeht, zeigt der Zulauf des Publikums. An diesem Samstag wird in der Dreiburgenhalle der 70 000. Besucher empfangen werden. Aus ganz Bayern und Österreich, ja sogar aus dem Rheinland pilgern mittlerweile Operettenfans im Januar nach Tittling. Und auch das Wetter spielt immer besser mit. Vor zehn Jahren lag in Tittling um diese Zeit der Schnee meterhoch auf den Dächern, die Hauseingänge waren unpassierbar. Mittlerweile ist eine Reise dorthin auch im Januar schneetechnisch kaum mehr ein Problem. Der Lohn besteht aus einem ansteckend heiteren Musiktheater, frei von jeglichem Regieterror und abstrakten Bühnenbildern. Auch die diesjährige Operette "Frau Luna" erfüllt diese Erwartungen vortrefflich. Die burleske Ausstattungsoperette des Komponisten Paul Lincke, die im Mai 1899 im Berliner Apollo-Theater uraufgeführt wurde, ist bekannt durch Evergreens wie "Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft" und "Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe". Es erwiest sich als ein ideales Stück für das Tittlinger Ensemble, das sich über kleine, für Laienspieler normale Schwächen meistens mit großartigen Stimmen und Gefühlsszenen glänzend hinwegsetzt.

Der überregionale Durchbruch des Liederkranzes erfolgte im Jahr 2000 nach dem Bau der Dreiburgenhalle, die mit einer professionellen Bühne ausgestattet wurde. Der anhaltende Erfolg basiert vor allem auf einer Fülle von jungen Darstellern sowie auf dem Engagement vieler Lehrer, die eine ganze Anzahl von Kinder- und Jugendchören betreuen. Der Liederkranz profitiert davon, dass an allen Schaltstellen erfahrene Kräfte obwalten. Für die opulenten Bühnenbilder sorgt etwa die Passauer Malerin Helga Mader. Ex-Kämmerer Günther Hödl führt jetzt im Ruhestand in einer Art Full-Time-Job die Geschäfte des Liederkranzes. "Aufführungen von dieser Größe sind immer wieder eine Gratwanderung", sagt er. Diesmal stehen immerhin Ausgaben von 70 000 Euro an.

Der größte Erfolgsgarant aber ist, dass in Tittling fast 200 Akteure und Helfer an einem Strang ziehen, vom kleinen Stopsel in der Tanzgruppe bis hin zu der 85-jährigen Ex-Lehrerin Maria Kapsner, die im Orchester Geige spielt und sich unter all den jungen Leuten sauwohl fühlt, wie sie begeistert erzählt. Für die letzten Vorstellungen von "Frau Luna" (Freitag, 19.30 Uhr, Samstag 16 Uhr) gibt es noch einige Karten (Telefon 08504/8270; www.liederkranz-tittling.de).