Studie zum Pflegenotstand bis 2030 Häusliche Pflege muss ausgebaut werden

Ob sich der Pflegenotstand in Boomregionen wie dem Raum München tatsächlich derart dramatisch entwickeln wird, hängt jedoch von vielen Variablen ab. Sollte es etwa gelingen, dass dank besserer Vorsorge Menschen häufiger als bisher gesünder ein hohes Alter erreichen, dann könnte der Pflegebedarf sinken. "Allerdings sind derartige Prozesse in den letzten zehn Jahren nicht zu beobachten", betonen die Autoren des Pflegereports. Die düstere Prognose basiert außerdem auf der Annahme, dass der Trend anhält, dass immer weniger Pflegebedürftige von Angehörigen versorgt werden.

Das Ausmaß der Versorgungslücke lässt sich durchaus noch beeinflussen: Die Autoren haben auch ein Szenario für den Fall berechnet, dass es gelänge, den Vorrang der häuslichen Pflege, der gesetzlich festgelegt ist, stärker durchzusetzen und die Zahl der Pflegebedürftigen in Heimen nicht weiter steigen zu lassen. Dort ist der Personalbedarf besonders hoch.

Ein Verzicht auf den Ausbau der Heimkapazitäten sei angesichts der zu erwartenden Zahl Pflegebedürftiger zwar ambitioniert, "gleichwohl aber nicht utopisch", betont der Report. Gelänge dies tatsächlich, würde sich die Versorgungslücke fast auf die Hälfte reduzieren lassen: Bundesweit würden so nurmehr 263.000 Pflegekräfte fehlen.

Fachkraftquote ist kaum mehr zu halten

So ging es der Bertelsmann-Stiftung auch nicht darum, mit neuen, noch schlimmeren Zahlen zum Pflegenotstand Panik zu verbreiten. "Der drohende Pflegenotstand ist längst bekannt", sagte Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Stiftung bei der Vorstellung des Reports in Berlin. Vielmehr soll dieser aufzeigen, dass sich der steigende Bedarf allein mit professioneller Pflege kaum mehr bewältigen lassen wird.

Deshalb müsse jetzt alles unternommen werden, um den Grundsätzen "Rehabilitation vor Pflege" und "ambulant vor stationär" Geltung zu verschaffen, betonte Brigitte Mohn. Die Pflege durch Angehörige zu stärken und zu stützen, damit der Anteil der so Versorgten nicht weiter abnimmt, sei dabei ebenso wichtig wie die Förderung von zivilgesellschaftlichem Engagement, das den notwendigen Ausbau der ambulanten Pflege flankieren müsse.

Weil sich Heimträger besonders in Ballungsräumen schon heute schwer tun, die für die Pflege vorgeschriebene Fachkraftquote von 50 Prozent zu halten, gerät diese immer stärker in die Diskussion. So will das Münchner Sozialreferat, wenn der Stadtrat am Donnerstag zustimmt, nun das wissenschaftlich begleitete Modellprojekt "Qualitätsoffensive stationäre Altenpflege" starten.

Dabei spielen die Bachelor-Absolventen der Dualen Pflegeausbildung eine wesentliche Rolle. Sie könnten die Gesamtverantwortung für die Pflegequalität übernehmen, die Mitarbeiter anleiten und ihren Fähigkeiten und Erfahrungen entsprechend einsetzen. Ohne solche Konzepte, die in anderen Ländern bereits verbreitet sind und mit weniger Fachpersonal auskommen, werde sich der Pflegenotstand, so ist Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) überzeugt, noch stärker zuspitzen.