Spanische Auszubildende in Bayern Eviva Oberpfalz!

In Bayern fehlen die Fachkräfte, in Spanien die Jobs: Also lädt die bayerische Wirtschaft zum Infotag in eine Hotelschule bei Madrid. Es kommen junge Leute, die keine Vorstellung davon haben, was sie in dem fremden Land erwarten würde. Aber sie sagen: "Ich gehe sofort!"

Von Thomas Urban, Madrid

Die Hotelschule von Móstoles ist ein moderner Bau in Pastell. Sie steht in einem neuen Viertel der Trabantenstadt südwestlich von Madrid. Doch nur zwei Parzellen weiter zeugt ein weitläufiges Areal von der Krise: Die Zubringerwege sind asphaltiert, die Straßenlaternen aufgestellt, die Baugruben ausgehoben. Aber alles ist von Gras überwuchert.

Ein paar Steinwürfe weiter: eine vierspurige Straße, auf der aber nur wenige Autos fahren. Sie führt am postmodernen Block des örtlichen Polizeikommissariats vorbei - eines der vielen zu protzig geratenen öffentlichen Bauprojekte aus der Boomzeit bis 2008, die dazu beigetragen haben, das Land in die Krise zu stürzen. Besonders trübe ist seitdem die Lage für die junge Generation, jeder zweite unter 30 Jahren hat keine Arbeit; dabei sind Berufsschüler und Studenten nicht eingerechnet. Auch für die Absolventen der Hotelschule sind die Aussichten miserabel. Zwar ist Spanien Europas Touristenland Nummer eins, aber die Konkurrenz ist groß, die Saison dauert fünf Monate, oft gibt es nur Zeitverträge.

Also fanden sich 60 Berufsschüler zu einer Anwerbeaktion des Bildungswerks der Bayerischen Wirtschaft ein. Neugierde mischte sich spürbar mit Verunsicherung, einige kamen mit Mutter oder Vater. In weißen Polohemden mit der Webadresse www.careerinternational-me.com stellte ein Team um Projektleiter Volker Falch ein Ausbildungsprogramm vor. 100 Plätze stehen bereits von Juni an zur Verfügung, je 25 in den Landkreisen Wunsiedel im Fichtelgebirge und Cham in der Oberpfalz, die anderen verteilen sich auf ganz Bayern. Träger der Initiative unter dem Motto "Fachkräftesicherung und -gewinnung" sind die beiden bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände sowie die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft.

Von der Drei-Millionen-Metropole Madrid in den Oberpfälzer Wald oder das Fichtelgebirge? "Ich gehe sofort!", sagt Francisco Javier Gallegos, 22. Er hat bereits die Ausbildung zum Kellner abgeschlossen, in Móstoles strebt er zusätzlich einen Abschluss als Restaurantkoch an. Er weiß längst, dass die Gastronomie besonders unter der Krise leidet. Denn die Spanier sparen vor allem an den früher so beliebten Restaurantbesuchen und an Familienfeiern. Im Bezirk Madrid mussten in den vergangenen fünf Jahren mehr als 1500 Gastronomiebetriebe aufgeben.

Gallegos wohnt noch bei seinen Eltern, wie die überwältigende Mehrheit seiner Altersgenossen, das ist die Ausgangslage bei ihm. "Eine eigene kleine Wohnung, das wäre doch etwas! Und wenn sie in Bayern ist!" Und, davon abgesehen: "Es wäre ein Abenteuer, ein neues Land kennenzulernen." Soziologen sehen als Folge der Krise eine mentale Revolution unter den jungen Spaniern: Sie legen eine von den früheren Generationen nicht gekannte Risikobereitschaft an den Tag, sie sind bereit, der Heimat den Rücken zu kehren. In den Jahren vor dem Platzen der großen Immobilienblase hatte es dazu keinen Anlass gegeben. Und da Spanien ständig als das Land mit den prächtigsten Perspektiven gepriesen wurde, gab es überdies wenig Interesse, Fremdsprachen zu lernen.

Doch die Schreckensnachrichten der vergangenen Jahre haben das Denken der jungen Leute stark geprägt, die jetzt in das Berufsleben starten wollen. "Suche dein Glück woanders!", so lautet das Motto privater Sprachschulen, die von Semester zu Semester neue Rekordzahlen melden. Das Goethe-Institut in Madrid ist mittlerweile das größte der Welt, auch hier finden durchweg überlaufene Berufsberatungen statt, organisiert von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) des Bundesarbeitsministeriums.