Schirachs "Terror" Schuldig in Nürnberg, nicht schuldig in München

Ferdinand von Schirachs Stück "Terror" wird derzeit unter anderem in Nürnberg und München aufgeführt. (Im Bild von links: Josephine Köhler, Adeline Schebesch, Statisterie, Martin Bruchmann, Beatrice Zuber)

(Foto: Marion Bührle)

Ferdinand von Schirachs "Terror" ist das Stück der Saison: Es macht sein Publikum zu Geschworenen. Nun hatte es am Nürnberger Staatstheater und am Metropol in München Premiere. Mit zweierlei Ausgang.

Von Egbert Tholl

Es ist das Stück der Saison, wird derzeit an mehr als 20 Theatern in Deutschland gespielt: "Terror" von Ferdinand von Schirach. Das ist erstaunlich, weil das Stück, so es überhaupt eines sein sollte, ein trockenes, theoretisches Konstrukt ist, bemüht nah am Leben und gleichzeitig sehr weit davon entfernt.

Andererseits vereint von Schirach darin verschiedene Erfolgselemente: Er schreibt den Plot einer Gerichtsshow, erzählt in diesem die Geschichte eines (vereitelten) Terroranschlags, vermengt juristische mit philosophischen Fragen und lässt das Publikum entscheiden. Allein darin, dass die Zuschauer zu mündigen Teilhabern des Geschehens werden, liegt Faszination. Tatsächlich konnte man die nun - bei den Premieren des Stücks am Nürnberger Staatstheater und am Metropol in München - erleben. Da diskutierten miteinander wildfremde Zuschauer voller Inbrunst, in den Pausen und noch Stunden nach den Aufführungen.

Eine eigenmächtige Entscheidung

Der Plot: Ein Terrorist bringt eine Lufthansa-Maschine auf dem Flug von Berlin nach München in seine Gewalt und kündigt an, sie in die Allianz-Arena bei München stürzen zu lassen - dort findet gerade ein Länderspiel statt, das Stadion ist mit 70 000 Mensch voll besetzt. Zwei Kampfjets der Luftwaffe steigen auf, versuchen, den Airbus zur Landung zu zwingen, geben einen Warnschuss ab - ohne Erfolg. Dann, so erfahren wir im "Prozess", passiert eine knappe halbe Stunde lang nichts, die Jets begleiten die Linienmaschine. Kurz vor dem Stadion beschließt einer der beiden Eurofighter-Piloten eigenmächtig, den Airbus abzuschießen. Er tötet die 164 Insassen, um die 70 000 im Stadion zu retten. Nun steht der Pilot vor Gericht, angeklagt des 164-fachen Mordes.

Die Aufführung selbst ist diese Verhandlung. In beiden Fällen, in Nürnberg wie in München, setzen die Regisseure auf die Kraft des Worts und der Diskussion allein. In Nürnberg schaut man in den Guckkasten der Kammerspiele, wo Regisseur Frank Behnke das Wort "Terror" in großen Bauklotz-Buchstaben auf die Bühne gestellt hat, es gibt sechs Bürostühle auf Rollen, das war's.

Im Metropol setzt Jochen Schölch das Publikum auf zwei gegenüberliegende Tribünen - schöne Idee bei diesem gedanklich interaktiven Stück; in der Mitte eine Spielfläche, darauf auch ein paar Stühle, der von der Richterin steht auf einem kleinen Podest. Darüber die Lichtfläche eines tiefhängenden Plafonds. In beiden Aufführungen wird das Publikum nach den Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidiger ins Foyer gebeten; die Abstimmung erfolgt durch die Wahl der Tür, durch die man den Zuschauerraum dann wieder betritt.

Schirach hat ein Problem

Von Schirach tut alles, um eine perfekte Aporie für Lars Koch, den Piloten des Kampfjets, zu konstruieren. Dafür bietet er lediglich einen Zeugen auf, den Leiter der Führungszentrale, der auch nicht erklären kann, weshalb man etwa das Stadion nicht evakuierte - zwischen Bekanntgabe der Drohung des Terroristen und dem Abschuss lagen 52 Minuten. Nach 9/11 erließ die damalige Bundesregierung ein "Luftsicherungsgesetz", dessen entscheidenden Passus das Bundesverfassungsgericht später wieder kassierte: Das Grundgesetz mit seiner Ehrung der Würde des Menschen verbiete es, Menschleben gegeneinander aufzurechnen. Gegen diesen Grundsatz handelte Lars Koch. Und der Zeuge macht deutlich, wie wenig man bei der Luftwaffe von der Einschränkung halte, die das Gericht dem Handeln der Piloten auferlegte.

Von Schirach hat ein Problem: Hielte er sich, der einst erfahrene Strafverteidiger, an die deutsche Prozessordnung, er beschnitte sich um die theatralische Wirkung. Nun macht er aber das Publikum zu Schöffen, die allein das Urteil fällen - das gab es in Deutschland vor vielen, vielen Jahren auch, heute aber findet man das eher in Amerika.

Viele Fragen bleiben offen

Da der Sachverhalt klar ist, kann es nur um eine moralisch-philosophische Diskussion gehen. In diese flicht von Schirach einige, zumindest für juristische Laien, abenteuerlich anmutende Fallbeispiele ein. Letztlich geht es darum: Wählt man, wie Lars Vogt, das "kleinere Übel" - auch dies eher eine Idee aus dem amerikanischen Raum - oder hält man sich daran, dass das Leben absolut ist, mithin nicht 164 gegen 70 000 aufgerechnet werden können.

Es bleiben offene Fragen. Hier nur ein Beispiel: Wäre der Airbus-Pilot wirklich ins Stadion geflogen? Dazu kommt, dass bei aller scheinbaren Selbstbestimmheit des Nachdenkens das Publikum in seiner Entscheidung auch der Empathie unterliegt. Die Besetzung steuert das Urteil. In Nürnberg dominiert die flamboyante Staatsanwältin Adeline Schebesch die Verhandlung, der Verteidiger ist eher ein Querulant, und schließlich rührt die Aussage der Nebenklägerin gewaltig: Ihr Mann war im Airbus, schrieb ihr von dort eine SMS - Josephine Köhler erzählt das mit einer Inbrunst, der man sich nicht entziehen kann.

An jedem Abend wird neu entschieden

Nathalie Schott ist da in München kontrollierter, wie überhaupt Schölch sich darum bemüht, die emotionale Beeinflussung der Zuschauer möglichst gering zu halten; auch eliminiert er geschickt ein paar der verstiegensten Volten aus dem Text. Gleichwohl wirkt am Metropol Matthias Grundig als Staatsanwalt einen Tick zu brillant, als dass man ihm aus vollem Herzen und nicht nur mit dem Hirn folgen möchte.

Hier wie dort bleiben die Aufführungen haften, lässt einen das Nachdenken darüber so schnell nicht aus. Und man weiß: An jedem Abend wird neu entschieden. Bei den Premieren lauteten die Urteile: Schuldig in Nürnberg, nicht schuldig in München.