Pumpspeicher Energieallianz verwundert über Aigner

Umstrittene Pläne: Ein mögliches Pumpspeicherkraftwerk am Jochberg könnte eine Leistung von 700 Megawatt erbringen.

(Foto: Manfred Neubauer)

Noch vor wenigen Wochen hat Wirtschaftsministerin Aigner allen Pumpspeicher-Plänen am Jochberg eine Absage erteilt. Jetzt zeigt eine Studie aus ihrem Haus: Für Speicherkraftwerke gibt es riesige Potenziale.

Von Frank Müller und Christian Sebald

Joachim Martini könnte sich eigentlich selbst gratulieren. Der Chef der Energieallianz Bayern, eines Zusammenschlusses von 37, meist mittelgroßen kommunalen Energieversorgern, hat nun von der Staatsregierung bestätigt bekommen, dass er richtig liegt mit seinen Plänen für ein Pumpspeicherkraftwerk (PSW) am Jochberg. In der "Analyse der Pumpspeicherpotenziale in Bayern", die Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) am Montag veröffentlicht hat, liegt der Münchner Hausberg nicht nur mit dem Walchensee als Unterbecken unter den Top-Standorten für die höchst umstrittene Kraftwerkstechnologie. Er wird noch ein zweites Mal in dem Ranking aufgeführt - mit dem Kochelsee als Unterbecken.

Aber Martini ist nicht nach feiern. Erst vor drei Wochen hat Aigner allen Pumpspeicher-Plänen am Jochberg eine Absage erteilt. Das Projekt sei "ohnehin keine gute Idee gewesen", sagte sie. Der Jochberg sei ein Ausflugsberg. Und überhaupt sehe sie derzeit keine Möglichkeit, dass so ein PSW wirtschaftlich arbeiten könne. "Natürlich verwirrt uns das alles sehr", sagt Martini gleichwohl diplomatisch. "Das sind ja völlig widersprüchliche Signale."

Aus für Pumpspeicherwerk

"Es gibt dafür einfach kein Geschäftsmodell": Wirtschaftsministerin Ilse Aigner zufolge lassen sich für das geplante Pumpspeicherwerk auf dem Jochberg keine Investoren finden. Die betroffenen Gemeinden sind erleichtert. mehr ...

Egal mit welchem Experten man spricht, alle bestätigen Martinis Einschätzung. "Fachlich ist die Pumpspeicher-Analyse eine ausgezeichnete Studie", heißt es überall. "Mit ihr kann man sehr gut arbeiten." Wie Martini fühlen sich aber alle zumindest "verwirrt". Denn die Studie schätzt ja nicht nur den Jochberg als Top-Standort für ein PSW ein. Sie enthält lange Passagen, die Befürworter und Gegner der Technologie als "ein einziges Loblied" auf sie lesen und damit in völligem Widerspruch zu Aigners Position stehen. "PSW leisten vor allem im Bereich der Systemdienstleistungen einen wertvollen Beitrag", heißt es in dem Papier, also immer wenn es darum geht, die Stabilität der Stromnetze zu garantieren und kurzfristige Schwankungen in der Stromversorgung auszugleichen.

Außerdem "belegen unabhängige Gutachten, dass PSW die günstigsten Voraussetzungen bieten, langfristig als Hauptspeichermittel ausgebaut zu werden." Denn sie "weisen hohe Wirkungsgrade, verhältnismäßige große Speicherkapazitäten und relativ geringe Investitionskosten auf". Besser könnte das kein Sprecher eines Stromversorgers formulieren.

Auch die Abschätzung der Potenziale übertrifft die Erwartungen der Branche. Als die Staatsregierung das LfU vor inzwischen drei Jahren mit der Studie beauftragte, lautete die Zielvorgabe, die Experten sollten Standorte für Anlagen mit einer Gesamtleistung von 3000 Megawatt ermitteln, was der Leistung von knapp drei Atomkraftwerken entspricht. Allein die 16 Top-Standorte, auf die sich die Studie konzentriert, ergeben mit 11 000 Megawatt Gesamtleistung knapp vier Mal so viel.

Bei den Top-Standorten gibt es ebenfalls Überraschungen. Der Deggendorfer Landrat und Chef des Landkreistags, Christian Bernreiter (CSU), las verblüfft in der Zeitung, dass in seinem Landkreis gleich zwei Top-Standorte liegen. Im Kreis Cham hat es sie sehr verwundert, dass nicht der Osser als Standort genannt wird, wo seit Monaten um ein PSW gestritten wird, sondern der Scheibensattel bei Lohberg. "Den kennen wir als Langlauf-Skigebiet", sagt der Chamer Abgeordnete Karl Vetter (FW). "Dass dort ein PSW möglich ist, ist neu."

Vetter und andere lassen auch kein gutes Haar an der Art, wie Aigner die Studie präsentiert hat. In dem Treffen mit Kommunalpolitikern und Abgeordneten war die μMinisterin erst nicht bereit, die Namen der Top-Standorte zu nennen. In der Studie selbst sind nur die Landkreise aufgelistet, in denen sie liegen. Erst auf massiven Protest hin erklärte Aigner sich bereit, die Namen nachzureichen.

Ministerpräsident Horst Seehofer hält an seinem Kurs fest. Für ihn bleiben PSW überflüssig. "Die Versorgungssicherheit ist mehr als gegeben", sagte er im Landtag. Das Ministerium habe die Studie nur veröffentlicht, weil es sonst journalistische Nachfragen gegeben hätte. Seehofer kündigte für die nächsten Monate eine Energiedebatte nach dem Vorbild der Diskussion um das Gymnasium an. Im Oktober werde Aigner eine Regierungserklärung zur Energiepolitik abgeben.