Psychiatrischer Krisendienst "Wer die Nummer wählt, hat schon gewonnen"

In der Leitstelle des Krisendienstes beraten Fachkräfte wie Andrea Kreppold-Roth (vorne) und Amöna Woyde Anrufer, die in eine seelische Krise geraten sind, und vermitteln geeignete Hilfen.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Angstzustände, Panikattacken, Wahnvorstellungen, Depressionen - etwa jeder Dritte gerät zumindest einmal im Leben in eine psychische Krise.
  • Für die Menschen in Oberbayern gibt es seit vergangenem Jahr den psychiatrischen Krisendienst.
  • Unter der Telefonnummer 0180-655 3000 gibt es zwischen 9 und 24 Uhr schnelle, unbürokratische und wohnortnahe Beratung.
Von Sven Loerzer

Angst muss nicht immer bedrohlich sein, sie kann auch wachsam machen, die Sinne schärfen, vor Gefahren bewahren. Für den Extrem-Bergsteiger und -Kletterer Alexander Huber zum Beispiel, der auch ohne Seilsicherung klettert, ist "die Angst mein bester Freund, weil sie meine einzige effektive Lebensversicherung ist". Doch Huber hat die Angst auch ganz anders erlebt, sie schlich sich lähmend und krankmachend in sein Leben: Der Erfolgsdruck wurde so mächtig, dass er sich keiner neuen Aufgabe mehr gewachsen fühlte. Deshalb suchte er sich Hilfe: "In einer Therapie habe ich mich endlich mit mir und meinen Ängsten auseinandergesetzt." Seine Angststörung hat er überwunden.

Angstzustände, Panikattacken, Wahnvorstellungen, Depressionen - etwa jeder Dritte gerät zumindest einmal im Leben in eine psychische Krise. "Wichtig ist, sich schnell Hilfe zu holen", sagt Andrea Kreppold-Roth, Vorsitzende der Koordinierungsgruppe Krisendienst Psychiatrie. Seit Ende des vergangenen Jahres ist das dank der Unterstützung des Bezirks Oberbayern im gesamten Regierungsbezirk einfach möglich. Fast rund um die Uhr sind Experten zu erreichen, die den Weg aus schwierigen Situationen weisen: Der Krisendienst Psychiatrie, dessen Vorläufer in München und dem Landkreis vor 20 Jahren entstanden sind, bietet unter der Telefonnummer 0180-655 3000 täglich zwischen 9 und 24 Uhr in ganz Oberbayern schnelle, unbürokratische und wohnortnahe Hilfe für Menschen in seelischer Not.

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"Wer die Nummer wählt, hat schon gewonnen", ist Bezirkstagspräsident Josef Mederer überzeugt. Obwohl der flächendeckende Ausbau erst im vergangenen Jahr abgeschlossen wurde, erreichten bereits 20 111 Anrufe den Krisendienst. Bald soll es das bewährte Angebot nach oberbayerischem Vorbild in ganz Bayern geben.

Die Ausweitung ist Teil des neuen Entwurfs für ein Bayerisches Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz, dem der Ministerrat Anfang des Jahres zugestimmt hat - obwohl Wohlfahrtsverbände, Ärzte und bayerische Bezirke an anderen Inhalten des Gesetzes heftige Kritik äußern und auf Änderungen drängen. Einer der zentralen - und auch von den Kritikern einhellig begrüßten - Punkte des Gesetzentwurfes, zu dem der Landtag am 24. April elf Sachverständige anhört, soll aber "der flächendeckende Ausbau eines im Endausbau rund um die Uhr erreichbaren Krisendienstes für Betroffene" sein, betont die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Der Dienst werde auch Angehörigen von Betroffenen offenstehen.

Ziel sei es, "Hilfebedürftige frühzeitig aufzufangen und sie - soweit erforderlich - freiwillig in weitere Versorgungsangebote zu vermitteln". Auf diese Weise sollen Einweisungen in psychiatrische Kliniken zur stationären Behandlung, vor allem auch Zwangseinweisungen, auf das absolute Mindestmaß verringert werden, erklärt die Gesundheitsministerin. Früher blieb oft nur der Anruf bei der Polizei, wenn sich psychische Krisen so zugespitzt hatten, dass Angehörige, Nachbarn oder Freunde damit überfordert waren. Bestand nach Einschätzung der Beamten Gefahr für die Betroffenen selbst oder andere Menschen in ihrem Umfeld, dann nahmen sie die psychisch Kranken mit und brachten sie - notfalls auch gegen ihren Willen - in die geschlossene Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses.

Das Krisentelefon soll helfen, dass es gar nicht erst so weit kommt. Bestrebungen, ein solches Angebot zu schaffen, reichen zurück bis in die Neunzigerjahre. Es entstanden erste Vorläufer in München, bis schließlich 2004 die Stadt und der Bezirk Oberbayern zusammen mit drei freien Trägern einen stadtweiten Mobilen Krisendienst einrichteten - eine Einstiegslösung, denn erreichbar war er nur acht Stunden täglich.

Daraus ging 2007 der Krisendienst Psychiatrie München hervor, an dem als Träger die Caritas, die Diakonie Hasenbergl, der Projekteverein der Arbeiterwohlfahrt und der Verein Soziale Dienste sowie das Atriumhaus als psychiatrische Institutsambulanz des Bezirks beteiligt waren. Die Nachfrage war groß, "wir waren schnell am Limit", erinnert sich Andrea Kreppold-Roth, die seit 2008 für den Verein Soziale Dienste dabei ist, der mit einer Reihe von Angeboten Menschen mit psychischen Erkrankungen unterstützt.

Weil sich das Münchner Modell als Netzwerk aus Kooperationspartnern mit unterschiedlichen Aufgaben bewährt hat, beschloss der Bezirk von 2015 an den Krisendienst sukzessive in ganz Oberbayern anzubieten, wie in München erreichbar von 9 bis 24 Uhr. Nach dem Ende 2017 abgeschlossenen Aufbau kostet das rund 7,4 Millionen Euro jährlich für eine prognostizierte Kapazität von rund 20 000 Anrufen, die bereits im vergangenen Jahr überschritten wurde. In der Leitstelle, die vom Isar-Amper-Klinikum des Bezirks im Atriumhaus in München betrieben wird, sitzen Mitarbeiter mit einschlägiger Ausbildung, etwa Psychologen, Sozialpädagogen oder Psychiatriepfleger: "Sie hören viel zu, entlasten und schauen, welche Hilfen in der Nachbarschaft in Frage kommen." Erfahrungsgemäß häufen sich Anrufe am Vormittag sowie tendenziell auch am Montag - möglicherweise weil sich Krisen über das Wochenende zuspitzen.

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Was aber ist eine Krise? Wann kann man anrufen? Niemand muss fürchten, dass er abgewiesen wird: "Wir haben keinen Ausschluss", erklärt Kreppold-Roth. Entscheidend sei die subjektive Sicht: Wer in eine Krise gerät, weil sein Haustier stirbt, erhält ebenso Hilfe wie ein Anrufer, dem der Tod eines nahen Angehörigen zu schaffen macht. Auslöser kann eine psychiatrische Vorerkrankung sein ebenso wie eine soziale Lebenskrise, etwa der Verlust des Arbeitsplatzes. Am Telefon werden natürlich keine Diagnosen gestellt, aber es erfolgt eine Notfalleinschätzung: Reicht ein entlastendes Gespräch am Telefon? Wenn, wie in etwa einem Viertel der Fälle, eine telefonische Krisenintervention nicht ausreicht, weil die Situation zu komplex ist, "bieten wir eine persönliche Intervention an", sagt Kreppold-Roth.

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Darum kümmert sich tagsüber dann der für den Wohnort zuständige sozialpsychiatrische Dienst oder am späteren Nachmittag, am Abend und am Wochenende ein mobiles Einsatzteam. Ist sofortige psychiatrische Hilfe geboten, etwa wegen einer Depression, dann könne die Leitstelle sogar noch am gleichen Tag einen Termin in einer der beteiligten Psychiatrischen Institutsambulanzen vermitteln, betont Kreppold-Roth. "Bei niedergelassenen Psychiatern gibt es oft Wartezeiten von Wochen."

In der Leitstelle im Münchner Atriumhaus gehen bis zu 1700 Anrufe pro Monat ein. Etwa 60 Prozent kommen von Menschen, die Hilfe in einer seelischen Notlage suchen, am häufigsten wegen akuter schwerer Belastungsreaktionen, gefolgt von affektiven Störungen, vor allem depressiven Zuständen. Knapp 20 Prozent der Anrufer sind Angehörige seelisch Erkrankter. Für diese sei es oft besonders bitter, wenn etwa der Erkrankte keine Hilfe annehmen will: So lang keine Gefährdung für ihn oder andere besteht, kann er nicht gegen seinen Willen behandelt werden. "Wir können nur helfen, besser damit zurecht zu kommen, das auszuhalten."

Der Rest der Anfragen kommt aus dem Umfeld, etwa von Nachbarn oder Arbeitgebern, die sich Sorgen machen. Wer beispielsweise meint, eine wahnhafte Entwicklung bei einer Person aus seinem Umfeld wahrzunehmen, kann sich am Telefon beraten lassen. Zunehmend verweist auch die Polizei auf den Krisendienst, wenn sie gerufen wird, aber die Voraussetzungen für eine Unterbringung in der Psychiatrie nicht vorliegen. So kann sichergestellt werden, dass seelisch Erkrankte in ihrer Not nicht allein bleiben. Idealerweise sollten sie sich frühzeitig selbst melden, etwa wenn jemand spürt, dass er wieder in eine depressive Phase gerät. "So lässt sich eine Zuspitzung vermeiden."

Mehr als 600 Menschen in ganz Oberbayern arbeiten für den Krisendienst, manche stundenweise, andere Vollzeit. Die Hilfe ist für die Anrufer fast kostenlos, weil sie der Bezirk finanziert. Nur 20 Cent kostet der Anruf aus dem Festnetz, maximal 60 Cent vom Mobiltelefon - egal, wie lange das Gespräch dauert. Rund 14 000 Anrufe kommen aus München. Andrea Kreppold-Roth geht davon aus, dass die Zahl der Anrufer mit Bekanntheit des Angebots in ganz Oberbayern noch deutlich steigen wird. Denn der Bezirk hat zum 1. März das Angebot noch erweitert: Seitdem verfügt der Krisendienst, bisher nur für Menschen über 16 Jahre zuständig, unter der gleichen Nummer über ein Hilfsangebot für Kinder und Jugendliche sowie deren Angehörige.

Bezirkstagspräsident Josef Mederer ist froh, damit eine Versorgungslücke schließen zu können, denn Kinder und Jugendliche brauchen wie Erwachsene "im Fall einer seelischen Krise professionelle Hilfe". So ließen sich nicht nur Klinikaufenthalte verhindern, betont Mederer: "Wir vermeiden auch, dass seelische Krisen chronisch werden und als Folge seelische Behinderungen entstehen." Eingebunden ist dabei schon jetzt die Psychiatrische Institutsambulanz des Heckscher Klinikums, weitere Kooperationen sollen folgen.

"Wähle Dein Leben", lautet der Werbespruch zur Telefonnummer des Krisendienstes. Bekannter zu machen, dass es schnelle Hilfe bei jeder Art von seelischen Krisen gibt, dabei hilft auch Alexander Huber: "Wenn sich Prominente zu solchen Schwächen bekennen, hilft uns das dabei, das Thema aus der Tabuzone zu holen." Bis sich seine Erfahrung allgemein als Erkenntnis durchsetzt, wird es wohl noch eine Weile dauern: "Wir alle erleben Krisen, nicht nur im Sport", sagt Alexander Huber: "Wenn man merkt, dass es einem nicht gut geht, sollte man selbst aktiv werden."

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