Prozess gegen Schüler Langer Nachhall von 70 Schüssen

Memmingen, Schule, Lindenschule, Polizei, Amokalarm, Traumatische Erfahrung: Nach dem Amokalarm an der Lindenschule in Memmingen wurde das Gebiet von der Polizei weiträumig abgesichert.

(Foto: dpa)

Im Mai 2012 erscheint ein 14-Jähriger mit einer Pistole an seiner Schule in Memmingen. Er bedroht Mitschüler, dann flieht er auf einen Sportplatz - und liefert sich dort einen Schusswechsel mit der Polizei. Verletzt wird niemand, doch der dramatische Tag reißt tiefe Wunden. Nun beginnt der Prozess.

Von Stefan Mayr

Der Beinahe-Amoklauf von Memmingen ist jetzt acht Monate her. Am 22. Mai 2012 hatte ein 14-Jähriger mit einer scharfen Pistole im Hof der Linden-Mittelschule herumgefuchtelt und andere Jugendliche bedroht. Dabei löste sich ein Schuss. Danach flüchtete der Schüler auf einen Sportplatz, wo er nach stundenlangem Nervenkrieg inklusive eines Schusswechsels mit Polizisten festgenommen wurde. Verletzt wurde dabei niemand, dennoch muss sich der inzwischen 15-Jährige am Dienstag vor der Jugendkammer des Landgerichts Memmingen verantworten. Die Anklageschrift umfasst eine lange Liste von Vorwürfen. Nötigung, Sachbeschädigung, Störung des öffentlichen Friedens, unerlaubter Waffenbesitz, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und vor allem: zwölffacher versuchter Totschlag. Alleine für Letzteres beträgt die Höchststrafe nach dem Jugendrecht zehn Jahre Haft.

Während die Justiz den Amokalarm bald abgearbeitet haben wird, werden die psychische und politische Aufarbeitung des Geschehens noch lange andauern. Viele Mitschüler haben den 22. Mai 2012 längst nicht verkraftet. Eine Handvoll Jugendliche müssen immer noch vom Schulpsychologen betreut werden. "Vor allem Schüler, die mit ihm gut befreundet und ganz nah dran waren, haben Probleme", sagt Rektor Franz Michael Schneider.

Auch einige Lehrer litten monatelang unter den Erlebnissen. Einige von ihnen hatten sich nach dem Schuss auf dem Schulgelände mit ihren Schülern in den Klassenzimmern verbarrikadiert - und blieben dort quälend lange im Ungewissen, ob sie in Lebensgefahr sind oder nicht. "Die Lehrer haben in den ersten Stunden und Tagen perfekt funktioniert", sagt Schneider, "erst danach ist deutlich geworden, wie stark sie belastet waren." Etwa acht Lehrkräfte nahmen die Hilfe einer externen Supervisorin in Anspruch, um in Einzel- und Gruppensitzungen die Erlebnisse zu verarbeiten.

"Inzwischen haben wir wieder eine sehr gute Atmosphäre im Haus", sagt der Rektor heute. "Das wäre anders, wenn damals jemand zu Schaden gekommen wäre." Obwohl niemand physisch verletzt wurde, sprechen die Lindenschüler und die Memminger meist vom "Amoklauf", wenn sie über den 22. Mai reden. Die Justiz nennt das Geschehen "Bedrohungslage", die Staatsanwaltschaft Memmingen hat die Vorgänge zwischen Schule und Sportplatz minutiös aufgelistet. Die Anklage geht davon aus, dass der Beschuldigte an jenem Dienstag mit zwei scharfen Pistolen und einer Luftdruckwaffe, die er mitsamt der Munition aus dem Waffenkeller seines Vaters entwendet hatte, in die Schule kam. Schon im Schulbus zeigte er einigen Jugendlichen seine Waffen. "Diese Jugendlichen machen sich bis heute große Vorwürfe, weil sie nicht sofort etwas gesagt haben", berichtet Rektor Schneider. "Sie dachten, das seien keine echten Waffen." Schneider will den Schülern "überhaupt keinen Vorwurf" machen, sagt aber auch: "Wenn sich einer an einen Lehrer gewendet hätte, wäre uns allen viel Ärger erspart geblieben." Womöglich hätten sie auch ihrem Schulkameraden etwas Gutes getan. So aber steht er vor einer schwierigen Zukunft.

Am Nachmittag des 22. Mai ging der bewaffnete 14-Jährige zur Tagesstätte der Schule, um seine Freundin zu finden, die kurz zuvor die Beziehung zu ihm beendet hatte. "Als er von mehreren Personen angesprochen wurde, stieß er Drohungen aus und richtete eine Waffe auf sie, um sie zu vertreiben", berichtet der Leitende Oberstaatsanwalt Johann Kreuzpointner. Danach eilte der Schüler auf den Sportplatz im Memminger Stadtteil Steinheim. Dort wurde er wenig später entdeckt - auf einer Auswechselbank am Rande des Fußballfeldes kauernd. Als Spezialkräfte der Polizei versuchten, ihn festzunehmen, gab der Schüler etwa 70 Schüsse ab. Nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Kreuzpointner richtete er die Waffe "teilweise gezielt" in Richtung der Beamten. Die Kugeln schlugen in Polizeiwagen, Werbebanden und in die Wand des Sportheims ein. Als die Polizisten ihrerseits Warnschüsse in den Boden vor dem Schüler abgaben, gab er schließlich auf. Gegen 20 Uhr ließ er sich widerstandslos festnehmen.

Das Gericht muss nun vor allem klären, ob der Schüler die Schüsse in Tötungsabsicht abgab. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft hat sich der Angeklagte zum Tatgeschehen "nicht abschließend geäußert". Er beteuere aber, dass er niemanden habe töten wollen. Ob der Jugendliche womöglich doch treffen wollte, darüber soll ein ballistisches Gutachten Auskunft geben, in dem die Einschüsse auf dem Sportgelände ausgewertet wurden. Entscheidend werden auch die Aussagen der Beamten sein, die sich im Schussfeld befanden. "Bei mindestens zwölf Beamten war es sehr knapp", sagt Oberstaatsanwalt Kreuzpointner. Er bezeichnet es als "Zufall", dass sie nicht getroffen wurden.

Am ersten Prozesstag werden Schüler und Lehrer vernommen, die den Beginn des Amokalarms unmittelbar miterlebt haben. "Das wird wieder einige Wunden aufreißen", sagt Schneider. Er hat seine Lehrer angewiesen, in ihren Klassen wachsam zu sein und Einzelgespräche zu führen, sobald wieder Ängste hochkommen.

Unmittelbar nach dem Amokalarm hatte Schneider öffentlich Kritik an der Politik geübt. Er sprach von "brutalen Problemen" und einer "erschreckenden Verwahrlosung in den Elternhäusern", gegen die die Politik mehr tun müsse. Er forderte mehr Sozialpädagogen und Schulpsychologen für die Mittelschulen, um dort die gesellschaftlichen Probleme auffangen zu können. Für diese ehrlichen Worte bekam er zwar Zuspruch von Fachleuten. Sozial- und Kultusministerium aber reagierten verschnupft. Die Personalsituation an städtischen Schulen bleibt somit aus Sicht vieler Pädagogen weit hinter dem Bedarf zurück - trotz Schneiders Aufschrei, trotz des Memminger "Warnschusses".

Der Angeklagte sitzt seit etlichen Monaten in einer Jugendstrafanstalt im Kreis Berchtesgadener Land in Untersuchungshaft. Dort kann er am Schulunterricht teilnehmen und seinen qualifizierenden Hauptschulabschluss machen. Allerdings ist er 250 Kilometer entfernt von seinem Heimatort, was die Besuche seiner Eltern nicht erleichtert. Vater und Mutter hatten nach dem Amokalarm monatelang keinen Kontakt zu ihrem Sohn. Sie werden am ersten Verhandlungstag ebenfalls als Zeugen aussagen. Der Prozess vor drei Berufsrichtern und zwei Jugendschöffen ist zum Schutz des jugendlichen Angeklagten nicht öffentlich.