Prozess gegen Gustl Mollath Zwischen Freund und Feind

Gustl Mollath sitzt allein im Gerichtssaal des Landgerichts in Regensburg.

(Foto: dpa)

Vor genau einem Jahr wurde Gustl Mollath aus der Psychiatrie entlassen - um seine Freiheit kämpft er bis heute. Beim Wiederaufnahmeverfahren vor dem Landgericht in Regensburg lässt er sich von seinen Verteidigern nicht mehr helfen. Selbst bei manchen Mollath-Unterstützern sorgt das für Ärger.

Von Ingrid Fuchs

365 Tage in Freiheit. Oder wie Gustl Mollath es selbst genannt hat: in Freiheit dritter Klasse. Vor genau einem Jahr, am 6. August 2013, ist er aus der geschlossenen Psychiatrie entlassen worden, nach siebeneinhalb Jahren. Vor der Klinik erwarteten Mollath nicht nur unzählige Journalisten, sondern auch viele Unterstützer und Fans.

Jene Menschen, die sich seit Monaten für seine Freilassung eingesetzt hatten, in Briefen und Mails, auf Demonstrationen, mit nützlichen Hinweisen über Twitter. Sie nahmen ihn auf, spendeten für ihn, ließen ihn bei sich wohnen. Bis heute hat Mollath kein eigenes Zuhause. Er ist auf sie angewiesen und ihnen manchmal auch ausgesetzt - denn seit die Wiederaufnahme in Regensburg läuft, gerät bisweilen durcheinander, wer Freund und wer Feind ist.

Das bekommt auch Mollaths Verteidiger Gerhard Strate zu spüren. Der Hamburger Anwalt gilt als Experte für komplizierte bis aussichtslose Fälle. Und er wusste, worauf er sich einließ, als er sich des Falls annahm: "Gustl Mollath war und ist ein unangepasster Querkopf. Seine Widerständigkeit brachte ihm seine Freiheit." Das schrieb Strate auf seiner Homepage im Dezember 2013.

Wahn und Wahrheit

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Schon damals erkannte der Anwalt, dass manche in Mollath das ideale Opfer sahen. Ein Opfer von Justiz, Psychiatrie, Politik und Banken zugleich. Ein Opfer, das sich für die eigenen Anliegen instrumentalisieren lasse. "Da Gustl Mollath aber noch nicht einmal ein idealer Mandant ist", schrieb Strate damals, würde er für sowas "schon gar nicht taugen".

Nicht alle Unterstützer finden das gut

Trotz seiner eigenen Einschätzung, ja Warnung, verstört Mollaths Widerständigkeit inzwischen auch Strate selbst. Der Angeklagte fordert vom Gericht die Aufklärung seiner Schwarzgeldvorwürfe - eine Aufgabe, die der Strafprozess schlicht nicht leisten kann. Denn im Fokus stehen bei der Wiederaufnahme die Vorwürfe, derentwegen Mollath auch im Jahr 2006 vor Gericht stand: Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Sachbeschädigung. Er wurde damals vom Landgericht Nürnberg-Fürth zwar freigesprochen, wegen Schuldunfähigkeit aber in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen.

Strate kennt die Möglichkeiten und Grenzen eines Strafprozesses, zu seinem Mandanten kann er damit aber nicht durchdringen - Mollath unterstellt dem Gericht weiterhin mangelnden Aufklärungswillen.

Bestärkt wird der Angeklagte von manchen, die seine Unterstützer sein wollen. Nicht alle der selbsternannten Gustl-Mollath-Freunde finden das gut. Nachzulesen ist das unter anderem auf Twitter. Der Pirat und Plagiate-Sucher Martin Heidingsfelder alias @goalgetter32 stachelt Mollath in seinem Wunsch nach einem Freispruch erster Klasse an:

Heidingsfelder ist derzeit wohl der umstrittenste Unterstützer - und der lauteste. Er gibt laufend Interviews, übt dabei heftige Kritik an Mollaths Verteidigern und verlangt nach "der ganzen Wahrheit." Aber geht es ihm - und jenen, die sich seiner Forderung anschließen - tatsächlich um Mollaths Freiheit? Oder um persönliche Ziele - etwa die Rolle der bayerischen Justiz, der Politik oder der Psychiatrie anzugreifen -, die auf Mollaths Rücken ausgetragen werden? Das zumindest meinen andere Twitter-Nutzer, die sich ebenfalls mit dem Fall beschäftigen.

Mollath will am Freitag aussagen

Für Anwalt Strate ist die Situation klar: Mollath habe Rechtsberater im Hintergrund, denen der angesteuerte Freispruch nicht ausreiche - und gegen die er offenbar nicht ankomme. Strate hat seine Konsequenzen aus dieser Entwicklung bereits gezogen: Er vertritt den 57-Jährigen inzwischen nicht mehr als Wahl-, sondern als Pflichtverteidiger - und auch das nur, weil ihn die Vorsitzende Richterin Elke Escher nicht ziehen ließ.

Am Freitag wird das Wiederaufnahmeverfahren fortgesetzt, dann wird sich zeigen, welchen Weg Mollath weiter einschlägt. Er will nun selbst vor dem Landgericht Regensburg aussagen.

Der Angeklagte hat das Wort

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Dass das Gericht anschließend noch anfängt, die Schwarzgeldvorwürfe detailliert aufzuarbeiten, ist unwahrscheinlich. Dafür müsste Mollath einen eigenen Prozess anstrengen - und dann womöglich noch viel länger auf seine Freiheit erster Klasse warten. Eine Unterstützerin, die sich inzwischen aus den Diskussionen auf Twitter heraushält, kommentiert das so: "Ich würde ihm wünschen, er könnte endlich ein normales Leben führen."

Wie das nach sieben verschwendeten Jahren in der Psychiatrie gelingen soll, dafür gibt es allerdings kein Rezept.

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