Polizeigewalt in Bayern "Man muss die Tat emotional auf Abstand halten"

Und hier in München sollten auch ihre Träume in Erfüllung gehen: 1987 wurde Petra Sandles stellvertretende Leiterin der Münchner Mordkommission. Sie war am Tatort in Ebenhausen, wo ein 19-Jähriger Nachbarsbub seine Nenn-Oma bestialisch ermordet hatte. Mit einem Messer hatte er der alten Frau den Bauch aufgeschlitzt, sie vergewaltigt und dann getötet. Sandles versuchte, in etwa nachzuempfinden, was dem Opfer in seinen letzten Lebensminuten widerfahren war. "Aber man muss die Tat emotional auf Abstand halten." Und auch den Täter: Wenn der einem dann bei der Vernehmung gegenübersitzt, heißt es: Klaren Kopf behalten, nicht aggressiv werden, sich selbst im Griff haben.

Anfangs, wenn sie an Tatorten mit ihren Kollegen auftauchte, sprachen Zeugen oder Beteiligte automatisch mit ihren männlichen Ermittlern - und ließen Sandles als Chefin außen vor. "Irgendwann aber haben sie zuerst mich angesprochen, ich weiß bis heute nicht warum." Offenbar hatte sie unbewusst damit begonnen, Autorität und Sicherheit auszustrahlen.

Schon als Kind hat Petra Sandles viel Sport betrieben, Fußball mit den Buben gespielt, was ihr in dem von Männern dominierten Polizeiapparat zugutekam. Probleme mit ihrer Rolle als Frau hatte sie nie: "Natürlich steht man als Frau auf dem Weg nach oben mehr unter Beobachtung. Andererseits gab es deutlich weniger Frauen in gehobenen Positionen, sodass es leichter war, sich zu profilieren." Sandles hält nichts von einer Frauenquote, "Warum sollte man Frauen in etwas reinzwängen?" Natürlich musste sie lernen, sich in einer Männerrunde zurechtzufinden, bei Konferenzen ihre Stimme durchzusetzen. Männer, die sie im Job nicht akzeptieren, entlocken ihr bis heute nur eines: ein Grinsen.

Mit einem Fingerwink zur Beförderung

Von der Mordkommission ging es ins Innenministerium, Abteilung Verbrechensbekämpfung, und irgendwann, im Jahr 2004, saß sie in einer Besprechung, als Günther Beckstein, damals stellvertretender Ministerpräsident, sie mit einem Fingerwink aus der Runde holte. "Sie haben gute Chancen für den Posten als LKA-Vizepräsidentin", sagte er. "Und ich war völlig geplättet und hab' mich gefreut", sagt sie.

Im November 2004 marschierte Sandles zum ersten Mal die Maillingerstraße am Gebäudekomplex des LKA entlang. "Da wurde es mir erst richtig bewusst. Und ich hab erschrocken gedacht: Was mach' ich hier? Kann ich das überhaupt?" Fragen, die sich wohl eher Frauen als Männer stellen, meint Sandles. Sie musste "sehr, sehr viel lernen", und bis heute kennt sie ihre hochspezialisierte Behörde nicht bis ins kleinste Detail. Längst ermittelt Sandles nicht mehr. Sie bespricht, entscheidet, delegiert und kümmert sich um Personalfragen. "Man diskutiert mal bei einem Fall fachlich mit, aber leitet keine Soko mehr."

Kripo-Beamtin mit Leib und Seele

Das Landeskriminalamt führte komplizierte Ermittlungsverfahren etwa gegen die Landesbank oder Siemens, aktuell unterstützen die bayerischen Ermittler das Bundeskriminalamt bei der Abarbeitung des NSU-Komplexes. Noch laufen die Ermittlungen gegen Beate Zschäpe, die im April in München vor Gericht stehen wird. Das bayerische LKA wird seiner Zentralstellenfunktion gerecht und koordiniert die bayerische Nachbearbeitung. Noch immer wird ermittelt, ob die NSU-Terroristen auch Ankerpunkte in Bayern hatten, ob es Anhänger gibt, die man bis heute noch nicht kennt, "und ob noch irgendetwas anderes übersehen wurde".

Fragt man Sandles nach ihren Zukunftsvisionen, antwortet sie zunächst verhalten: "Herausragende Ermittlungsverfahren erfolgreich führen, die Zentralstellenfunktion ausfüllen, neue Techniken anbieten - und der Kampf gegen die Cyber-Kriminalität." Aber dann sagt Sandles, dass sie unbedingt in München und beim LKA bleiben will, dass sie mit Leib und Seele Kripo-Beamtin sei, und dass alles, was kommt, Glückssache sei, "sollte es noch mehr nach oben gehen". Noch mehr nach oben, das heißt, dass sie irgendwann die Nachfolge von LKA-Präsident Peter Dathe antreten könnte.