Oberpfalz Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer

Edmund Stoiber und seine Frau Karin sahen 2007 nur eine Nachbildung des Bernsteinzimmers.

(Foto: dpa)

Zwei Oberpfälzer meinen zu wissen, wo die seit 1945 verschwundene Kostbarkeit versteckt ist. Mehr als nur ein Hirngespinst?

Von Andreas Glas, Neumarkt

Da liegt es, das Notenblatt. Es liegt vor ihnen auf dem Tisch, zwischen Ordnern, Kaffeetassen und Butterbrezen. Das Notenblatt ist das letzte Puzzleteil, da sind sich die zwei Männer sicher. "Zu 200 Prozent", sagt der eine. "Es passt alles zusammen", sagt der andere.

Aber was nützt es, falls sie recht haben und nichts beweisen können? Sie können nichts beweisen, weil sie gegen Mauern rennen. Gegen Schlossmauern, gegen Behördenmauern. Gegen Mauern, hinter denen es versteckt sein soll: das Bernsteinzimmer.

Es ist früh am Morgen, Erich Stenz und Georg Mederer haben zum Treffen geladen, in ein Hotel in Neumarkt in der Oberpfalz. Was sie erzählen, klingt nach Spinnerei, dann nach Gänsehaut und irgendwann ist man selbst angefixt.

Ein Kollege brachte Stenz auf die Spur

Nur: Darf man ihnen glauben? Kann es wirklich sein, dass die Nazis all das Gold und die Edelsteine im Februar 1945 nach Nordböhmen verfrachtet haben? Dass die Nazis das Bernsteinzimmer vor der näher rückenden Sowjetarmee versteckt und im Keller eines alten Schlosses eingemauert haben? Es wäre eine Sensation, so ungeheuerlich, dass man nicht anders kann, als misstrauisch zu sein.

Alles begann vor neun Jahren, damals arbeitete Erich Stenz als Wirtschaftsdetektiv. Ein Kollege erzählte ihm von einer alten Frau, die ihrer Tochter ein Geheimnis anvertraut habe. Die Frau sei früher Köchin gewesen, auf Schloss Friedland in Böhmen, erzählt Stenz. Im Februar 1945, in den Wochen vor Kriegsende, will die Frau beobachtet haben, wie in der Abenddämmerung ein Lastwagen nach dem anderen auf das Schlossgelände fuhr. Wie Männer in SS-Uniformen Kisten mit Gold und Edelsteinen abluden, wie sie mit den Kisten im Schloss verschwanden, wie sie im Morgengrauen wieder davonfuhren. Zwei Wochen lang sei das so gegangen, Nacht für Nacht.

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"Ich bin da wie ein Terrier", sagt Erich Stenz, der zur Zeit des Kalten Krieges als Geheimagent für den Bundesnachrichtendienst gearbeitet hat. Er habe ein exzellentes Bauchgefühl, wenn es um Geheimnisse gehe, sagt Stenz. Also fährt er mit einem Bekannten nach Friedland, die beiden nehmen an einer Schlossführung teil, setzen sich von der Besuchergruppe ab, gehen über eine Treppe in den Keller.

Sind die Kisten wirklich im Keller des Schlosses eingemauert?

Sie gehen weiter, bis sie vor einer Mauer stehen, die anders aussieht als das Gewölbe drumherum. Das Gewölbe, sagt Stenz, "ist Hunderte Jahre alt und die Mauer ist neuzeitliches Gestein und Zement", das habe ein Experte bestätigt, dem er das Foto zeigte, das sein Kollege im Schlosskeller gemacht hat.

Drei Jahre später besucht Stenz die Zeitzeugin, die Frau ist inzwischen 93 Jahre alt. Sie bestätigt ihm die Sache mit den Lastwagen, den SS-Männern, den Kisten. Und sie erzählt, dass sie einmal nachgeschaut habe, was die SS-Männer im Keller getrieben haben. "Sie hat mir gesagt, dass die Kisten rechts und links vermauert wurden", sagt Stenz. Während des Gesprächs "hatte ich nie Zweifel, dass die Frau fantasiert. Sie war geistig ganz wach."

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Wieder drei Jahre später, im Juni 2014, haben Stenz und Mederer einen Termin in Prag, in der tschechischen Denkmalbehörde. "Von welchem Schloss sprechen Sie?", habe der Direktor gefragt. "Von Schloss Friedland", habe Stenz geantwortet. Dann soll der Direktor gesagt haben: "Euch hat der Teufel geschickt."