Oberbürgermeister von Bad Reichenhall Ein Fall für den Amtsarzt?

"Er ist total überfordert": Der Stadtrat von Bad Reichenhall hält Oberbürgermeister Herbert Lackner für so krank, dass er ihn zum Amtsarzt schickt. Dem CSU-Politiker werden haarsträubende Versäumnisse vorgeworfen, er selbst hält sich für "pumperlgsund".

Von Heiner Effern

Sie sitzen einträchtig im Kreis um den großen Tisch im Rathaussaal, als wäre nichts passiert. Der Bad Reichenhaller Oberbürgermeister Herbert Lackner (CSU) macht am Dienstagabend ein paar Scherze, die Stadträte stimmen einen Punkt nach dem anderen ab. Kein Wort fällt darüber, dass 21 von 24 Mitgliedern des Gremiums ihren OB für so krank halten, dass sie ihn zum Amtsarzt schicken. Obwohl er schriftlich erklärt hat, dass er gesund sei.

Kein Wort darüber, dass der Zweite Bürgermeister Manfred Adldinger (SPD) den OB wegen des Verdachts der Untreue angezeigt hat. Kein Wort darüber, dass intern ein Bericht des Rechnungsprüfungsausschusses vorliegt, der Lackner Überschreitungen seiner Kompetenzen nachweisen soll. Kein Wort darüber, dass die große Mehrheit der Stadträte den OB aus dem Amt entfernen will, gut ein Jahr nach seinem Sieg in der Stichwahl.

Am Tag nach der Sitzung sagt Lackner über seine Situation: "Da denke ich mir überhaupt nichts." Er werde zum Arzt gehen, dann sei der Fall erledigt. "Ich bin pumperlgsund." Er habe sich von seinem Burnout, das ihn nach der Stichwahl im März 2012 viereinhalb Monate vom Rathaus fernhielt, "hervorragend" erholt. Die Arbeitsatmosphäre sei konstruktiv.

Dass laut Abstimmungsergebnis auch mindestens sieben der zehn CSUler ihn zum Amtsarzt schicken? "Man sorgt sich um meine Gesundheit, das kann man auch positiv sehen", sagt Lackner. Und die Strafanzeige? "Das ist mir neu, da weiß ich nichts davon." Aber sein Stellvertreter Adldinger sage, er habe mehrfach mit ihm darüber gesprochen? "Mir hat er das nicht bestätigt."

Eine Schublade voll unerledigter Arbeit

Manfred Adldinger hat die Amtsgeschäfte übernommen, als Lackner krank war. In den Schubladen des OB-Schreibtischs habe er "einen Haufen unerledigter Arbeiten gefunden", sagt er. In der Verwaltung gebe es Leute, die hätten ihren Chef ein halbes Jahr nicht gesehen. "Er ist total überfordert. Er hat einen Job, den er nicht kann." Jedem alles zu versprechen, reiche nicht. "Ein OB muss entscheiden. Der muss Leuten auch mal weh tun."

Und was ist nun mit der Anzeige? "Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn anzeige. Null Reaktion. Manche Dinge dringen zu ihm einfach nicht durch." Es geht um eine Anzeigentafel in der neuen Sporthalle, Kosten 51 603 Euro. Die habe der OB gekauft, ohne den nötigen Beschluss. Monatelang sei er Lackner nachgelaufen, er solle den Kauf nachträglich absegnen lassen, sagt Adldinger. "Der legt das in eine Schublade und denkt, es vergeht." Auch die Drohung mit der Anzeige habe nichts bewirkt. Da habe es ihm gereicht.