Neue Hoffnung für Asylbewerber Iraner brechen Hungerstreik ab

Nach ihrem über zweiwöchigem Hungerstreik sind die iranischen Asylbewerber in das Würzburger Rathaus geladen worden. Weil die Behördenvertreter versichterten, die Asylgründe der Flüchtlinge noch einmal neu zu prüfen, brachen sie den Hungerstreik jetzt ab.

Von Olaf Przybilla

Es ist der 18. Tag des Hungerstreiks der zehn iranischen Asylbewerber in Würzburg und so merkwürdig es klingt: Um die Mittagszeit spricht einer der Helfer an den Zelten vor dem Rathaus von einer frohen Grundstimmung, zum ersten Mal seit Beginn des Streiks.

Natürlich, sagt Paul Liebig, der die Iraner in den letzten Tagen begleitet hat, da sind die Schwächeanfälle der drei Iraner, die in eine Klinik eingeliefert werden mussten. Da sind die Helfergespräche, in denen die hungernden Männer in ihren Zelten liegengeblieben sind, apathisch und kraftlos. Seit dem Vorabend aber, sagt Liebig und blinzelt in die Frühlingssonne, "haben wir alle wieder Hoffnung, dass diese Sache hier nicht tragisch endet".

Der Vizepräsident des Bundesamtes für Migration und ein Vertreter des Bayerischen Sozialministeriums haben sich angekündigt, im Zeltlager sorgt das für Euphorie. Am Mittag ziehen sich die Iraner mit den Behördenvertretern zum Gespräch ins Rathaus zurück. Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer ist nicht nach Würzburg gekommen. Die CSU-Politikerin erklärt, nicht zuständig zu sein für die Anerkennung der Asylbewerber.

Auf einem - inzwischen gelöschten - Facebook-Eintrag kritisierte sie zudem Politiker von SPD und Grünen für deren Besuche im Würzburger Zeltlager. Offenbar sei deren Haltung, "dass der Staat sich erpressbar zeigt" und Politiker sich zu Gesprächen herbeizitieren ließen. Am Mittwoch empört Haderthauers Haltung nicht mehr nur die Opposition, sondern auch den Koalitionspartner. Jeder wisse, zürnt die FDP-Sozialpolitikerin Brigitte Meyer, dass das Sozialministerium nicht für die Anerkennung von Asylbewerbern zuständig sei. Wenn aber die Hungernden das Gefühl bekämen, dass sich der Freistaat überhaupt nicht für ihr Schicksal interessiere, "dann ist das nicht unsere Vorstellung, die wir vom sozialen und menschlichen Freistaat Bayern haben".

Immerhin, einen Vertreter hat das Sozialministerium zum Runden Tisch nach Würzburg geschickt, einen Ministerialdirigenten. Vom Bundesamt für Migration ist Michael Griesbeck gekommen, der Vizepräsident der Behörde. Nach zwei Stunden Debatte gibt er bekannt, dass sämtliche noch nicht abgeschlossenen Asylverfahren noch einmal auf "neue Asylgründe" untersucht werden. Und ja, sagt Griesbeck, auch die Präsenz des Hungerstreiks in den Medien könnten solche neue Gründe sein - das Regime im Herkunftsland der Flüchtlinge hat den Protest schließlich auch gesehen.

Hasan Hosseinzadeh, der Sprecher der Flüchtlinge, erklärt daraufhin, dass der Hungerstreik nun ausgesetzt werde. Aus ihrem Zelt am Rathausplatz wollten sich die Iraner aber nicht zurückziehen. Genehmigt ist das Lager bis 11. April, danach will die Stadt neu entscheiden. Wer Hosseinzadeh vor zwei Wochen getroffen hat, zu Beginn des Streiks, glaubt einen anderen Mann vor sich zu haben. Hosseinzadeh ist der Älteste der hungernden Iraner, ein Mann wie ein Baum.

Jetzt sind die Gesichtszüge des 34-Jährigen eingefallen, wenn er aufstehen wollte, mussten sie ihn stützen zuletzt. Fast fünf Jahre lebt Hosseinzadeh in bayerischen Lagern, als Geduldeter, dessen Antrag auf Asyl abgelehnt wurde: Er darf nicht arbeiten, Veranstaltungen außerhalb Würzburgs nur mit Genehmigung besuchen. Er hat viel Hoffnung in diesen Runden Tisch gesetzt. Zum Teil, sagt er, hätte sie sich erfüllt: Möglicherweise wird er vor Gericht auch "neue Asylgründe" geltend machen können.

Das Schlimmste, sagt ein Helfer, wäre es, wenn die Iraner nach den Wochen im Zelt doch wieder in die Gemeinschaftsunterkunft - eine frühere Kaserne am Stadtrand - zurück müssten. Zurück in die Depression, nach den Tagen in der Innenstadt, die schlimm waren - in denen sie aber den Eindruck hatten, dass sich jemand interessiert für ihr Schicksal. Ein iranischer Asylbewerber am Stadtrand hatte sich im Januar das Leben genommen, einer, der noch kein Jahr in der Unterkunft sein Leben fristete. Vorher hatte er mit Hosseinzadeh gesprochen. Der hatte ihm erzählt, dass er seit fast fünf Jahren im Lager lebt.

An den Gemeinschaftsunterkünften, sagt der Ministerialdirigent aus dem Sozialministerium, werde der Freistaat auch künftig festhalten.