Nach Todesschuss in Burghausen Alle Fragen offen

Folgenschwer: Der tödliche Schuss eines Polizisten auf einen gesuchten flüchtigen Drogendealer in Burghausen löst viele Fragen und Vorwürfe aus.

(Foto: Robert Piffer)

Der tödliche Schuss auf einen Drogendealer im oberbayerischen Burghausen löst bei den Bewohnern rund um den Tatort große Irritationen aus: Warum wird geschossen, wo Kinder spielen? Warum wurde der Kopf getroffen? Wie kann so etwas geschehen?

Von Heiner Effern, Burghausen

Das fünf Jahre alte Mädchen mit den langen dunklen Haaren bildet mit Daumen und Zeigefinger eine Pistole. Dann macht es mit spitzen Lippen zwei Töne: "Pff, pff." Zwei Schüsse. Ganz so, wie es das Mädchen am vergangenen Freitag selbst erlebt hat, als es im Innenhof seiner Wohnanlage in Burghausen spielte. Als gegen 18 Uhr zwei Männer von der Herderstraße hereinkamen, an dem Mädchen vorbeieilten, und einer von ihnen nach wenigen Metern auf einen fliehenden Mann schoss.

Die zweite Kugel traf das Opfer André B., 33, in den Hinterkopf, er brach zusammen und starb fast direkt vor der Haustüre seiner Freundin. Wenige Meter von der Fünfjährigen und wohl noch drei spielenden Kindern entfernt.

Der Tatort: Im Innenhof dieser Wohnanlage fielen die Schüsse, dort spielten zur Tatzeit Kinder.

(Foto: Robert Piffer)

Als die Mutter des Mädchens sich an den Freitagnachmittag erinnert, an diesen "Schock", wie sie es nennt, erzählt die Tochter ihre Version der tödlich verlaufenen Festnahme mit den Fingern. Das Gesicht des Mädchens lässt dabei hoffen, dass sie die Tragweite dessen, was sie gesehen hat, nicht erfasst hat. Ihre Mutter und alle anderen Anwohner haben sehr wohl begriffen, was passiert ist. Gerade deswegen können sie es nicht fassen. Nicht nur sie fragen sich: Wie kann es passieren, dass ein Polizist auf einen Mann schießt, der vor ihm flieht? Der lediglich wegen des Handels mit weichen Drogen gesucht wird. Der nach Aussagen von Zeugen unbewaffnet war. Wie kann ein Polizist überhaupt schießen, wenn neben oder hinter ihm Kinder spielen? Wie kann es passieren, dass ein an der Waffe ausgebildeter Fahnder eigenen Angaben zufolge auf die Beine des Opfers schießen wollte, aber dessen Hinterkopf in Genickhöhe getroffen hat?

"Wenn es kein Zufall war, was war es dann? Eine Hinrichtung?", fragt sich ein Nachbar, der im ersten Stock des Hauses wohnt, vor dem André B. am Freitag starb. Das Vertrauen in die Polizei ist erschüttert, jeder hat etwas gesehen, was kein gutes Licht auf die Hüter der öffentlichen Sicherheit wirft. "Warum hat der Polizist eine Decke über den Mann am Boden gelegt, anstatt Erste Hilfe zu leisten?", fragt der Mann. Wenn André B. schon tot war, warum habe der Notarzt später dann noch versucht, zu reanimieren? Die Wut und das Entsetzen hat sich spontan entladen am Samstagabend, als 50 Demonstranten durch die Stadt liefen und "Polizei - Mörder" riefen.

Notarzt sei schnell zur Stelle gewesen

Auch die Polizei sucht nach Erklärungen. Die Ermittlungen hat eine Sonderabteilung des Landeskriminalamtes übernommen, die interne Vergehen untersucht. Der Schütze ist mittlerweile vorläufig suspendiert. Er wurde als Beschuldigter vernommen, ihm wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Sein Partner als Zeuge. Zum Inhalt ihrer Aussagen äußert sich das LKA nicht, bis auf die Angabe, dass der schießende Polizist eigenen Angaben zufolge die Beine habe treffen wollen. Im Sturm der Gerüchte will das LKA ein paar Dinge klarstellen. Der Fahnder habe dem getroffenen Mann den Puls gefühlt - und nichts mehr gespürt. Der Notarzt sei schnell zur Stelle gewesen und habe nicht reanimiert, sondern nur den Tod festgestellt.

Doch die offizielle LKA-Mitteilung vom Montag ist in ungewöhnlich direkten Worten gehalten. Der Beamte habe auf den "flüchtenden" Mann geschossen, und ihn "am Hinterkopf" getroffen. Ein Sprecher des LKA sagte zudem, es gebe "das Problem der Verhältnismäßigkeit" einer Schussabgabe. Aus dem vorsichtigen Beamtendeutsch übersetzt heißt das: Auch die internen Ermittler sind irritiert. Es gilt als sicher, dass der flüchtende Mann den Fahnder in keiner Weise bedroht hat. In Polizeikreisen hält man es für möglich, dass deshalb aus dem Vorwurf der fahrlässigen Tötung eine vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge wird. Das hätte erhebliche Folgen für den Polizisten: Er müsste statt mit einer Bewährungs- möglicherweise mit einer Haftstrafe rechnen.

Ein Schuss auf einen Fliehenden

Auch der Burghauser Strafverteidiger Erhard Frank findet das offensive Vorgehen der Polizei auffällig. "Wann haben sie in einem solchen Fall schon nach wenigen Tagen eine solche Mitteilung, abgestimmt von LKA und Staatsanwaltschaft?" Als der Rechtsanwalt am vergangenen Freitag hörte, dass in Burghausen ein mutmaßlicher Drogendealer erschossen wurde, "war mir sofort klar, wer das sein muss". Wenige Tage vorher war André B. in seiner Kanzlei vor ihm gesessen, hatte erzählt, dass vermutlich ein Haftbefehl wegen Drogenhandels gegen ihn vorliege. Wieder einmal.

Erst vor etwa einem Jahr war er nach langer Haftstrafe freigekommen, acht Jahre soll er gesessen haben. Aber das spielt alles keine Rolle mehr. Es geht auch für den erfahrenen Rechtsanwalt Frank nur noch um die existenziellen Fragen in einem Fall, wie er ihn in seiner Karriere auch noch nie erlebt hat: "Wie kann so etwas geschehen?" Ein Schuss auf einen Fliehenden. Aus ein paar Meter Entfernung, so viel höher als angeblich beabsichtigt.