Fall Mollath Vom Richter "malträtiert und provoziert"

Augenzeugen berichten, wie der Angeklagte Gustl Mollath vom Richter im Prozess schikaniert und anschließend in die Psychatrie geschickt wurde. Der inzwischen pensionierte Jurist rechtfertigt seine umstrittene Verhandlungsführung - wird jedoch auch dabei wieder laut.

Von Olaf Przybilla und Uwe Ritzer, Nürnberg

Seit sechs Jahren sitzt Gustl Mollath in der geschlossenen Therapie. Er lehnt jede Therapie ab, weil er sich für gesund hält. 

(Foto: SWR/Report Mainz)

Der Brief ist laut Gerichtsstempel am 18. August 2006 beim Nürnberger Landgericht eingegangen, er stammt von einer Augenzeugin, die den Prozess gegen Gustl Mollath im Gerichtssaal verfolgt hat. Der Brief richtet sich an Otto Brixner, den Vorsitzenden Richter im damaligen Verfahren. Die Verfasserin trägt einen spanischen Namen, ihr Schriftdeutsch wirkt ein bisschen kurios. Aber den Tenor ihres Schreibens - das der Süddeutschen Zeitung vorliegt - erfasst man sehr gut: "Wie kommt es dazu", fragt die am Verfahren ansonsten unbeteiligte Frau, dass ein "verantwortlicher und gesunder Richter" einen angeblich kranken Angeklagten acht Stunden lang "malträtiert" und "provoziert"?

Das Urteil des Landgerichts Nürnberg stützte sich 2006 auf ein Gutachten, in dem Mollath wahnhafte Vorstellungen attestiert wurden. Mollath wurde deshalb wegen Schuldunfähigkeit vom Vorwurf der Körperverletzung freigesprochen und in eine Psychiatrie eingewiesen. Wäre Mollath wegen der - von ihm bestrittenen - angeklagten Delikte verurteilt worden, er hätte wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine Bewährungsstrafe hoffen dürfen. So aber wurde er weggesperrt. Und sitzt noch immer. Nach einem Freispruch. Weil er krank und gemeingefährlich sein soll.

Laut Urteil soll Mollath ein paranoides Gedankensystem entwickelt haben. Er soll "unkorrigierbar" der Überzeugung sein, Personen aus dem Geschäftsfeld seiner früheren Ehefrau und diese selbst seien in ein "Schwarzgeldsystem" verwickelt.

Inzwischen haben sich viele der Vorwürfe, die Mollath über dunkle Bankgeschäfte erhoben hatte, als zutreffend erwiesen.

War die Verhandlungsführung des Richters fair, vor dem sich Mollath verantworten musste? Der Beschwerdebrief und mehrere Aussagen von Augenzeugen lassen nun starke Zweifel daran aufkommen.

"Respektabler Vorsitzender Richter", schreibt die Augenzeugin im Brief: "Herr Mollath hat nach meiner Ansicht großes Durchhaltevermögen" bewiesen und "nicht die Haltung und Respekt Ihnen gegenüber verloren." Immerhin sei er acht Stunden "ununterbrochen angeschrien" worden. Brixner dagegen habe sie "sehr unbeherrscht und sehr zornig" erlebt. "Warum nahmen Sie Herrn Mollath die menschliche Würde ab?", fragt sie - diesem "von Ihnen betrachtete kranke Mensch?".

Und auch das will die Augenzeugin wissen von Brixner: "Mir ist es in den Gedanken gekommen, wie würden Sie sich fühlen, wenn auf Grund Ihres Verhalten, diese Gesellschaft ein Gutachten verlangen würde über Ihren Geisteszustand?". Wie einen "Diktator" habe sie ihn erlebt, schreibt die Augenzeugin, nicht wie einen "würdigen Richter". "Sie müssen mir glauben, dass das alles für mich bestürzend war."