Ettal: Abschlussbericht zu Missbrauch Ein Hauch von Versöhnung

500.000 Euro stellt das Kloster Ettal für die Entschädigung von Missbrauchsopfer bereit. Der Vertreter der Opfer spricht von einem "Meilenstein."

Von Matthias Drobinski

Grau sind die Deckel, dunkel ist der Rücken: Ein Schwarzbuch ist es, was der weißhaarige Herr mit ernstem Blick dem Ettaler Abt Barnabas Bögle überreicht, der ebenfalls ernst in die Kameras blickt. 40 Seiten beschreiben, wie über Jahrzehnte hinweg Schüler im Internat des Benediktinerklosters geschlagen wurden, ihnen sexuelle Gewalt angetan wurde.

94 Berichte hat der frühere Verfassungsrichter Hans-Joachim Jentsch in den vergangenen drei Monaten ausgewertet, fünf sind jetzt noch hinzugekommen. Es ist weitgehend das, was sein Kollege Thomas Pfister gesammelt hat, der im Unfrieden mit dem Kloster geschieden ist, weil die Mönche ihn als zu anklagend empfanden. Nun also hat Jentsch die Aufsicht über die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals übernommen. Es heißt, der 73-Jährige habe den Mönchen das Bewusstsein dafür vermittelt, dass jetzt nur schonungslose Aufarbeitung hilft.

Neu ist an diesem Vormittag, was Jentsch am Ende sagt: Das Kloster wird mindestens 500.000 Euro aus Vermögenswerten in einen Fonds zahlen, aus dem Opfer sexuellen Missbrauchs und schwerer sexueller Gewalt entschädigt werden sollen. Eine Kommission unter Vorsitz von Edda Huther, der ehemaligen Präsidentin des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs, soll über die individuelle Höhe der Entschädigung entscheiden. 5000 Euro seien da eine Richtschnur, sagte Jentsch, es könne aber auch mehr gezahlt werden. Opfer können Anträge formlos bis zum 30. Mai stellen, das Kloster wird in die Entscheidung nicht eingebunden, welcher Betroffene wie viel Geld erhält.

Besonders wichtig ist Jentsch und dem Opferverein, dass ein unabhängiges Institut erforscht, wieso es so lange Gewalt gegen Schüler gab. Ein entsprechender Gutachterauftrag soll nun auf Vorschlag des Opfervereins an das Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) gehen. Und schließlich soll es eine, wie Jentsch sagt, "Stätte der Erinnerung" im Kloster oder beim Kloster geben, "damit man das Geschehene nicht aus den Augen verliert".

Nicht neu ist dagegen, was der Ex-Verfassungsrichter in den Missbrauchs-Berichten gefunden hat - hier hat Rechtsanwalt Pfister offenbar gute Arbeit geleistet. Seit den 1940er Jahren hat es in der Schule, vor allem aber im Internat des Klosters immer wieder Prügel und sexuelle Gewalt gegeben. Die Berichte werfen sieben Patres und zwei weltliche Lehrern sexuellen Missbrauch beziehungsweise Grenzüberschreitungen vor, der Vorwurf der körperlichen Gewalt richtet sich gegen 15 Patres, zwei weltliche Erzieher und eine Erzieherin. Wie viele Täter, wie viele Opfer es tatsächlich gegeben hat, werde sich wohl nie richtig ermitteln lassen, sagt Jentsch. Ein Pater M. ist immer wieder durch sexuelle Übergriffe auffällig geworden, ohne dass das Kloster oder das Internat angemessen reagiert hätte. Die Gewalt sei auch dadurch legitimiert gewesen, dass selbst der heutige Altabt Schläge austeilte.

Anders als Pfister verzichtet Jentsch darauf, erschütternde Berichte vorzutragen, er formuliert zurückhaltend, erklärt, "in welcher Not sich auch die Klostergemeinschaft" befunden habe, als das Ausmaß des Missbrauchs offenbar wurde. Nur vorsichtig deutet er an, dass es schwer war, in der Mönchsgemeinschaft einhellige Zustimmung zu seiner Arbeit zu erlangen. Und einen Streit zwischen der Klosterleitung und den Opfern erledigt er beiläufig: Der Opferverein hatte kritisiert, dass mindestens 30 Berichte durch eine falsch angegebene E-Mail-Adresse verloren gegangen seien. Das sei "eine Panne", sagt Jentsch, aber wesentlich neue Erkenntnisse hätten die Berichte wohl auch nicht geliefert.

So weht, als Jentsch endet, ein Hauch von Versöhnung durch den Raum. Robert Köhler, der Vertreter der Missbrauchsopfer, spricht von einem "Meilenstein"; er sagt, er sei mit der Form der Aufarbeitung und auch der Entschädigung zufrieden, "wenn auch nicht unbedingt mit der Höhe". Abt Bögle sagt, die Gemeinschaft wolle und müsse den Weg der Aufarbeitung weitergehen. Und Jentschs Blick sagt: Ich werde darauf achten, dass es weitergeht.