Bundeswehr: Gebirgsjäger in Bad Reichenhall Kinder spielen Krieg

Mit einem Tag der offenen Tür wollten die Gebirgsjäger in Bad Reichenhall ihre Kameraden aus den Auslandseinsätzen ehren und Werbung für die Truppe machen. Doch offenbar haben die Verantwortlichen die Grenzen des guten Geschmacks überschritten - indem sie Kinder mit Gewehrattrappen auf Holzhäuser in "Klein-Mitrovica" zielen ließen.

Von Katja Riedel

Die Gebirgsjäger in Bad Reichenhall hatten an ihrem Tag der offenen Tür eine Modell-Landschaft aufgebaut, bunte Holzhäuschen, von Rauchspuren gezeichnet, manche sogar von Einschusslöchern. Um das Dorf herum hatten sie Tarnnetze gespannt, darunter kauerten Soldaten, gemeinsam mit Kindern, die Gewehr-Attrappen auf das Dorf richteten. Die Verantwortlichen hatten an jedes Detail gedacht, sogar an ein gelbes Ortsschild, darauf der Name: "Klein-Mitrovica".

Gemeint ist die 107.000-Einwohner-Stadt im Norden des Kosovo. Sie und Reichenhall verbindet Geschichte: Die 1. Gebirgs-Division der Wehrmacht, auch Soldaten aus Reichenhall, waren in Mitrovica während des Zweiten Weltkrieges gegen Partisanen eingesetzt; dort wurde auch ein Art Konzentrationslager errichtet. Die Stadt ist unruhig: Im Jahr 1999 haben dort nationalistische Albaner 8000 Roma verfolgt und zum Teil deren Häuser zerstört - obwohl Kfor-Soldaten anwesend waren. Am Wochenende des 27. und 28. Mai dieses Jahres wurde in Klein-Mitrovica Krieg gespielt.

Es sollte eine Werbung sein: Für die Gebirgsjäger, für die Bundeswehr, für den Standort Bad Reichenhall. Die Rückkehrer aus Afghanistan und dem Kosovo sollten feierlich begrüßt werden - und die ersten freiwilligen Wehrdienstleistenden dazu: Mit Platzkonzert und Gelöbnis im Kurpark und mit einem Tag der offenen Tür in der General-Konrad-Kaserne, bei dem Familien die Fahrzeuge, Waffen und Arbeitsgeräte der Bundeswehr testen konnten.

Eine Woche später hat das Heeresführungskommando einen Stab eingesetzt, der die Hintergründe der Kinderbelustigung ermitteln soll. Mit der Aufklärung sind die Kommandeure der Gebirgsjägerbrigade 23 sowie der in Sigmaringen ansässigen 10. Panzerdivision beauftragt.

Der Sprecher des Heeresführungskommandos, Oberstleutnant Siegfried Huben, sagte der SZ, die Bundeswehr heiße derartige Aktionen generell nicht gut. Kinder auf dem Gelände der Bundeswehr mit Waffen hantieren zu lassen, sei verboten. Ob dies auch für Attrappen oder Spielzeuggewehre gelte, sei zu prüfen. Die Benennung "Klein-Mitrovica" sei "mehr als geschmacklos", sagte Huben. Welche disziplinarischen Konsequenzen die Aktion habe, sei Sache der Vorgesetzten.

Das Bundesverteidigungsministerium wollte sich am Sonntag nicht zu den Vorwürfen äußern. Es werde aber Stellung beziehen, sollten diese sich bewahrheiten, sagte ein Sprecher der SZ. Immerhin gibt es mehrere detaillierte Fotos von der Kinderbelustigung. Das linke Bündnis "Rabatz" hatte sie aufgenommen und am Freitag an Medien versandt.

Die Schirmherrschaft für den Tag der offenen Tür der Gebirgsjäger hatte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer. Der CSU-Politiker sagte am Sonntag, er habe die Schirmherrschaft als Wahlkreisabgeordneter von Reichenhall sehr gerne übernommen. Die Gebirgsjäger leisteten eine "hervorragende und unverzichtbare Friedensarbeit in Auslandseinsätzen der Bundeswehr". Die Aktion für die Kinder sei ihm nicht bekannt gewesen.",Sollte sich der Vorwurf durch die Untersuchungen bestätigen, könnte ich das in keiner Weise gutheißen."

Es ist nicht der erste Skandal, in den die Gebirgsjägerbrigade 23 verwickelt ist. 2006 wurden Bilder einer Totenschändung in Afghanistan bekannt, darauf Mittenwalder Soldaten der Brigade. Auch Alkoholexzesse und Ekelrituale, über die Soldaten dem Wehrbeauftragten im vergangenen Jahr berichteten, ereigneten sich in Mittenwald, Bischofswiesen und Bad Reichenhall. In Reichenhall und in Mittenwald gibt es zudem jährliche Gedenken an die Gefallenen der ehemaligen Eliteeinheit, die bei den Angriffen auf Kreta und Kephallonia in Griechenland gestorben sind.