Oberallgäu "Genau so spielt sich das auch in der Realität ab"

Je mehr Zeit vergeht, um so wütender werden Rufe: "Hilfe, der verblutet! Wo seid ihr? Sanitäter!" Und das auch noch eine halbe Stunde nach dem Schusswechsel. Ein Polizeibeamter hatte die Rolle des Attentäters übernommen. Das Brüllen der Menge wird immer panischer. Schmerzenslaute, Blutlachen am Boden - zum Glück nur Theaterblut. Doch für die Rettungskräfte, die sich nun an die Lagesichtung machen, sind die Grenzen zwischen Übung und Wirklichkeit längst verwischt. Opfer-Darsteller rasen auf sie zu, reißen ihnen den Sanitäter-Rucksack vom Rücken, um die zu versorgen, die schwerer verletzt scheinen als sie selbst.

"Genau so spielt sich das auch in der Realität ab", sagt Michael Raut, ein charismatischer Typ mit einer alten Gebirgsjägermütze auf dem Kopf, an der ein rotes Kreuz prangt. Raut ist der Chef der BRK-Bereitschaften in Bayern, verantwortlich für das, was sich auf diesem "Großunfallsymposium 2018" abspielt. Bei der Übung dauert es gefühlt eine Ewigkeit, bis die von den wenigen anwesenden Sanitätern angeforderten Rettungskräfte eintreffen. "Wie mag es da einem Verletzten gehen?", sagt Raut, "aber auch für die hier eingesetzten Rettungskräfte ist das unerträglich."

Indes, die Mitglieder der Sanitätswache halten sich an die Vorgaben: Als Schüsse fallen, ziehen sie sich auf Anordnung der Polizei in einen als "sicher" definierten Bereich zurück. Unter anderem könnten sie ja "potenzielle Angriffsziele für einen zweiten Anschlag darstellen", wie in einer Handlungsempfehlung des bayerischen Innenministeriums für Rettungseinsätze bei besonderen Einsatzlagen/Terrorlagen - kurz "Rebel" - gewarnt wird. Innenminister Joachim Herrmann begrüßt solche Übungen. Durch sie werde nicht nur die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Rettungsdiensten vertieft. "Auch können erarbeitete Konzepte nur so auf ihre Praxistauglichkeit hin geprüft werden", sagt er.

"Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass der Terror auch bei uns in Bayern angekommen ist"

Als die Polizeibeamten in Bodelsberg das Gelände wieder freigeben, fahren die Sanitäter mit der Lagesichtung fort. Im Hintergrund läuft bereits die große Rettungs-Maschinerie an, überall Blaulicht auf den Zufahrtswegen zum Übungsort. Corinna Hasenwinkel, Bereichsleiterin im BRK-Bezirksverband Würzburg, kennt solche Eindrücke. Sie war im Einsatz, nachdem ein 17-jähriger afghanischer Flüchtling in einem Regionalzug mit einer Axt zunächst mehrere chinesische Touristen schwer verletzt hatte, und auf der Flucht eine zufällig vorbeikommende Frau. Auch er wurde schließlich von der Polizei erschossen. "Es war krass, weil wir bereits auf der Fahrt zum Einsatz darüber informiert wurden, dass geschossen wird", sagt Hasenwinkel. Sie selbst musste eine Frau betreuen, die im Zug direkt vor einem der Opfer gesessen hatte. Zurück von ihrem Einsatz, sah sie dann die blutverschmierten Rettungswagen, die gerade gereinigt wurden.

"Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass der Terror auch bei uns in Bayern angekommen ist", sagt BRK-Präsident Theo Zellner. Am 17. Mai 2016, so erinnert sich Zellner, hatte das BRK eine Arbeitsgruppe "Terrorismusrisiken" aus 24 Experten verschiedenster Fachgebiete einberufen. Am 25. Juli 2016 fand die zweite Sitzung statt, um über Einsatztaktik, Ausstattung, die Kommunikationswege, die künftige Ausbildung der Rettungskräfte und die psychosoziale Nachsorge für die eigenen Leute und die Opfer von Anschlägen zu beraten. "Zwischen beiden Tagungen", so sagt BRK-Landesgeschäftsführer Stärk, "mussten wir drei Großeinsätze mit besonderen Schadenslagen bewältigen - die Terroranschläge in Würzburg und Ansbach sowie den Amoklauf im Münchner Olympia Einkaufszentrum."

Wenn die Panik ausbleibt

Eine Stunde lang sind am Münchner Hauptbahnhof Schüsse und Schreie zu hören. In den sozialen Netzwerken bleibt trotzdem alles ruhig. Beobachtungen aus der Nacht. Von Jana Stegemann mehr...

Zellner sieht die Staatsregierung in der Pflicht, den Bevölkerungsschutz noch besser als bislang schon auszustatten. In diese Kerbe schlägt auch Landesbereitschaftsleiter Michael Raut: "Wir bitten und fordern, uns und unseren Einsatzkräften endlich das Material zu stellen, das wir für den täglichen Einsatz und auch für Katastrophenfälle benötigen." Corinna Hasenwinkel quälen indessen ganz andere Sorgen: "Hoffentlich ist keine Übung geplant, die sich an den Anschlag in Würzburg anlehnt." Damit erneut konfrontiert zu werden, das wäre für sie und ihr Team einfach zu viel.