Bericht zu Missbrauchsaffäre in Regensburg "Für unsere Seelen hätten wir uns etwas anderes erwartet"

Die Regensburger Altstadt mit dem Dom Sankt Peter.

(Foto: dpa)

Das Bistum Regensburg hat erstmals Zahlen zur Missbrauchsaffäre veröffentlicht: 158 500 Euro wurden bislang an Opfer sexuelle Übergriffe ausbezahlt. Doch vielen Betroffenen geht es gar nicht ums Geld.

Von Wolfgang Wittl, Regensburg

Zum ersten Mal im Zuge der Missbrauchsaffäre in der katholischen Kirche hat das Bistum Regensburg Zahlen über Anerkennungsleistungen veröffentlicht: In den Jahren 2011 bis 2014 seien 158 500 Euro an Opfer von sexuellen Übergriffen ausbezahlt worden, heißt es im Tätigkeitsbericht des neuen Missbrauchsbeauftragten Martin Linder. Die Summe sei an insgesamt 30 Antragsteller geflossen - auch an solche, deren Vorwürfe nicht mehr juristisch geklärt hätten werden können. Linder, der mehr als 20 Jahre lang die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Regensburg leitete, ist Nachfolger der 2013 gestorbenen Beauftragten Birgit Böhm. Opfer kritisieren den Bericht als nicht ausreichend.

Darin heißt es, von den etwa 2380 Geistlichen, die von 1945 an bis heute in der Diözese tätig waren, seien 13 wegen sexueller Straftaten an 77 Minderjährigen verurteilt worden, unter ihnen zwei wegen Besitzes von kinderpornografischem Material. In einem besonders schwerwiegenden Fall Anfang der Fünfziger seien sexuelle Straftaten an 25 Minderjährigen in zwei Pfarreien begangen worden. Von den 13 Geistlichen seien noch acht am Leben, zwei von ihnen wurden laisiert, also aus dem Klerikerstand entlassen. Die restlichen sechs Kirchenleute seien suspendiert worden. Lindner beruft sich auf Angaben des Regensburger Generalvikars Michael Fuchs.

Seine wichtigste Aufgabe sei es gewesen, den nach Böhms Tod abgerissenen Gesprächsfaden wiederzufinden und Opfer bei dem Antragsverfahren zu unterstützen, erklärt Linder. Die achtsame Begegnung im Gespräch werde von den Betroffenen oft als erste Form der Anerkennung des Leids empfunden. Ihm sei bewusst, dass sowohl Geldsumme als auch die Zahl der Antragsteller gering anmute. Dies zeige, wie schwer es Opfern falle, sich an die Diözese zu wenden. Dazu könne er jeden nur ermutigen, teilt Linder mit. Auch Bischof Rudolf Voderholzer stehe weiter für Gespräche zur Verfügung. Um künftigen Fällen vorzubeugen, seien im vergangenen Jahr etwa 1070 Mitarbeiter der Diözese Regensburg zur Prävention von sexualisierter Gewalt geschult worden.

Was fehlt ist eine Geste der Versöhnung

Alexander Probst hingegen sieht in dem Bericht eine wenig aussagekräftige Aneinanderreihung von Zahlen, mit dem das Bistum Druck aus der öffentlichen Diskussion nehmen wolle. Dies könne nur ein Anfang sein. "Für unsere Seelen und unsere Herzen hätten wir uns etwas anderes erwartet", sagt der 54-Jährige.

Probst zählt zu einer Gemeinschaft von fast hundert früheren Domspatzen, die über Jahrzehnte missbraucht worden sein sollen. Ihm selbst sei vor wenigen Wochen eine Entschädigung von 2500 Euro angeboten worden, die er ablehne. "Alle Betroffenen haben mehr verdient", vor allem eine Geste der Versöhnung.

Das Gespräch mit Linder will Probst nicht suchen, darin sehe er keinen Sinn. Im Sommer erst habe er an Papst Franziskus geschrieben, doch der Vatikan habe den Brief trotz einer Einschreibebestätigung angeblich nie erhalten. Das habe wohl damit zu tun, vermutet Probst, dass der frühere Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller auch als Präfekt der Glaubenskongregation kein Interesse an echter Aufarbeitung habe.