Bayern soll Steueroase werden Monokultur des Geldes

"Arm zu sein in diesem Umfeld tut schon sehr weh": Die Reichen ballen sich im Süden. Doch was den Fiskus freut, wird für andere allmählich zum Problem.

Von H. Effern, W. Prochaska und M. Szymanski

Dort, wo die Grundstücke groß und die Leute verschwiegen sind, unbedingt dort wollte auch Ferrari-Chef Luca di Montezemolo eine Ferrari- und Maserati-Vertretung aufmachen. Höchst persönlich soll er entschieden haben, dass in Starnberg eine Werkstatt seiner berühmten Marken aufmacht.

Er hat ein gutes Gespür dafür, wo das Geld sitzt. Seitdem hat sich jedenfalls die Ferrari-Dichte rund um den Starnberger See weiter erhöht.

Trotz Krise legen die Wohlhabenden hier schon mal 200.000 Euro für ein schnelles Auto auf den Tisch. Wenn es nach den Plänen des bayerischen Finanzministers Georg Fahrenschon (CSU) geht, sollen bald sogar noch mehr sehr reiche Menschen nach Bayern kommen.

Fahrenschon will den Freistaat zur Steueroase machen und die Erbschaftssteuer in Bayern radikal senken. Einen "Steuersatz nahe null" stellt er in Aussicht, wenn Union und FDP bei der Bundestagswahl die Mehrheit bekommen.

Das Flächenland Bayern hat schon jetzt die meisten Millionäre, ganz genau 2030 waren es im Jahr 2004. Nur Hamburg hat gemessen an der Bevölkerung mehr. Aktuellere Zahlen gibt es nicht. Fahrenschons Pläne könnten wie ein Staubsauger wirken, der die Wohlhabenden aus der ganzen Republik gen Süden saugt - zum Starnberger See, zum Tegernsee. Dorthin, wo schon jetzt die Millionäre wohnen.

Wo sich Prominente niederlassen

Die kleine Gemeinde Berg mit ihren 8000 Einwohnern hat sich zu einem Ort entwickelt, der Profisportler und Prominente nahezu magisch anzieht. Erst rückte Lothar Matthäus an, danach Michael Ballack. Ihre Nachfolge trat Oliver Bierhoff an, und kürzlich hat sich der frühere Nationaltorwart Jens Lehmann eine stattliche Villa gekauft. Er fiel den Nachbarn deshalb auf, weil er sich mal zum Training nach Stuttgart per Hubschrauber fliegen ließ. Das sorgte für ein wenig Aufregung.

Früher war das noch anders: Den Schauspieler Heinz Rühmann traf man höchstens auf einem einsamen Spaziergang. Und auch heute noch leben die wirklich Prominenten sehr zurückgezogen: Der Philosoph Jürgen Habermas bevorzugt die Ilkahöhe hoch über Tutzing, um seine Gedanken zu ordnen.

Enger ist es im Tegernseer Tal. Dort trifft man auch schon mal Milliardäre in der Eisdiele. Dann, wenn Otto Beisheim mit seinem Elektrorad anrollt, zum Beispiel. Doch das errege ebenso wenig Aufmerksamkeit, wie wenn sich der Milliardär mit dem Hubschrauber ins Tal fliegen lasse, sagt der Zweite Bürgermeister von Rottach-Egern, Hermann Ulbricht von den Freien Wählern. Die Menschen, die sich mit viel Geld in die Toplagen am See eingekauft haben, "werden geachtet, aber nicht hofiert", sagt er.

Doch wenn sie immer mehr werden, bekommt der Fiskus zwar mehr Geld, die Gemeinden aber bekommen Probleme. Die Grundstückspreise steigen ins Unermessliche.

Das begrenzte Raumangebot rund um den Tegernsee sorge dafür, "dass man das Ende der Preisschraube nie erreicht", sagt Immobilienmakler Bernd Steinmüller aus Rottach-Egern. "Es gibt schon Objekte im zweistelligen Millionenbereich. Derzeit ist eines für acht Millionen Euro auf dem Markt."

1000 Euro pro Quadratmeter

Schön für die Makler. Weniger schön für die Einheimischen. Die finden kaum noch bezahlbaren Baugrund. Die Gemeinde versuche zwar, über Einheimischen-Modelle auch Grundstücke zu moderaten Preisen anzubieten, sagt Ulbricht, für die meisten gelte aber: "Wenn man nicht schon einen Baugrund in der Familie hat, kann man sich keinen leisten."

Auch die Gemeinden rund um den Starnberger See müssen darauf achten, dass die Einheimischen für ihre Kinder noch Baugrund bekommen. 1000 Euro pro Quadratmeter sind keine Seltenheit. Mancher Bauer ist zum Millionär geworden und hat aus seinen Wiesen einen Golfplatz gemacht.

Für den Starnberger Wirtschaftsförderer Christoph Winkelkötter ist das Image von Starnberg als Landkreis der Reichen eher ein Hindernis. Er sieht die Region als Wirtschaftsstandort mit vielen innovativen Unternehmen, zum Beispiel dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen. Von hier aus werden die Raumfahrtmissionen gesteuert. Das Reichen-Image passt da nicht, es wirkt so saturiert.

"Arm zu sein in diesem Umfeld tut schon sehr weh"

Auch Edith Clemm lebt in Starnberg, aber jeden Donnerstag erlebt sie das andere Extrem. Dann bewegt sie sich am Rand der Gesellschaft, dort, wo sich die Leute nicht einmal etwas zu essen leisten können. Auch an diesem Spätsommertag stehen wieder mehr als 110 Menschen für Obst und Gemüse und eine warme Mahlzeit bei der Starnberger Tafel an. Es gibt Spaghetti mit Fleischsoße. "Es werden immer mehr Leute", sagt Edith Clemm.

Sie weiß nichts recht, was sie davon halten soll, wenn nun noch mehr Reiche kommen sollten. "Arm zu sein in diesem Umfeld tut schon sehr weh", sagt sie. In Starnberg erlebe man erst so richtig, was es bedeute, nicht mithalten zu können. Andererseits: Wenn sie Geld braucht für die Lebensmittelausgabe, dann seien es die Reichen, die spenden. "Die sind immer da", sagt sie.