Außenseiter der bayerischen Geschichte Das harte Leben der Underdogs

Strafen an "Haut und Haar" und an "Hals und Hand": Der Stich zeigt, wie vielfältig das Handwerk des Henkers war.

(Foto: Volk Verlag)

Prostituierte, Wilderer, Bierrebellen und natürlich Henker: Ihr Schicksal findet in Geschichtsbüchern selten Erwähnung. Der Leiter des Staatsarchivs München hat das Leben der bayerischen Außenseiter untersucht. Gerichts- und Polizeiakten dokumentieren ihre Verfehlungen penibel - und verraten viel über die brutale Zeit unserer Vorfahren.

Von Hans Kratzer

Im Zeitalter unserer von Kindergeld und Frührente flankierten Wohlstandsgesellschaft schwärmen immer noch viele Menschen von der guten alten Zeit, in der das Bier noch dunkel, die Burschen schneidig und die Mädchen sittsam waren. Dabei hat die Welt unserer Groß- und Urgroßväter alles andere als heiter und heimelig ausgesehen.

Noch in der Frühzeit des Freistaats Bayern litten die Menschen scharenweise unter Armut, Not und Verwahrlosung. Nur hat sich kaum ein Chronist für dieses Elend interessiert, weshalb das Schicksal der Unterschichten in den Geschichtsbüchern nur selten Erwähnung findet. All die Dienstboten, Heimatlosen und anderweitig Verfemten traten nur dann ins Rampenlicht, wenn sie gegen rechtliche und moralische Normen verstoßen hatten und aktenkundig wurden.

Allein diese in den Archiven schlummernden Gerichts- und Polizeiakten gewähren uns heute Einblicke in das Leben dieser Underdogs der bayerischen Geschichte, wie sie von Christoph Bachmann, dem Leiter des Staatsarchivs München, und der Kulturjournalistin Karin Dütsch genannt werden. Sie haben soeben ein Buch herausgegeben, das ein seltenes Licht auf die nach heutigen Maßstäben ziemlich verrohte und brutale Gesellschaft unserer Vorfahren wirft.

Liederliche Personen bei der Sittenpolizei

Greifen wir exemplarisch den im Buch dargestellten Fall des Nürnberger Mädchens Johanna Ulrich heraus, das im Jahre 1904 als 15-Jährige wegen Diebstahls und Bettelei aufgegriffen wurde. Ein hoffnungsloser Fall von vielen. Von da an wurde sie regelmäßig als "liederliche Person" inhaftiert, bis sie 1913 - wohl in Zusammenhang mit der Einrichtung der Sittenpolizei - erneut als Gewerbsunzüchtlerin polizeilich erfasst wurde. Bei dieser Gelegenheit schilderte sie ihre Lage: "Ich bin neun Mal wegen Gewerbsunzucht bestraft. Ich will mich weiterhin der Gewerbsunzucht hingeben und, damit ich straffrei bleibe, der sittenpolizeilichen Aufsicht unterstellen."

Nachdem sie amtlich ermahnt worden war, einen besseren Lebenswandel zu führen, erklärte sie, bereits zu tief gesunken zu sein. Sie habe sich stets vergeblich um Arbeit bemüht, weshalb sie gezwungen sei, Gewerbsunzucht zu betreiben. Als sittlichkeitsgefährdende Frauensperson und Streunerin landete sie schließlich in einem Arbeitshaus. Erst als sie 1924 heiratete und endlich einen festen Wohnsitz sowie eine Arbeit als Brezelverkäuferin nachweisen konnte, hören die Einträge auf, Johanna Ulrich verschwindet aus den Akten.

Zu den im Buch beleuchteten Underdogs zählten neben den Prostituierten auch Hausierer, Dienstboten, Bader, Wilderer, Hexen, Kriegskrüppel und Bierrebellen. Und natürlich die Henker, deren "Karrieren" oft gut dokumentiert sind. Vorgestellt wird unter anderem der erste Münchner Scharfrichter Haimpert, der 1321 sogar seinen Vorgänger hängen musste. Aber auch das Augenausstechen, Rädern, Handabschlagen, Auspeitschen, Zungenausreißen und Foltern gehörte zu seinen Pflichten. Viele Henker besserten ihr Einkommen als Bordellbetreiber, Abdecker oder Goldgrübler auf, so hießen jene, die Abortgruben und Versitzgruben leerten. Auch diesem anrüchigen Berufsstand ist ein aufschlussreiches Kapitel gewidmet.

Armut und raue Sitten

Obwohl ihre Tätigkeiten unverzichtbar waren, wurden solche Menschen gemieden. "Keiner mochte sie, aber jeder brauchte sie", schreiben Bachmann und Dütsch im Vorwort ihres mit beeindruckenden Bildern ausgestatteten Buches. Zumindest die Obrigkeit behielt diesen "Bodensatz" der Gesellschaft scharf im Auge und dokumentierte seine Verfehlungen penibel in jenen Akten, die uns heute so viel Interessantes erzählen. "Selbstzeugnisse der unteren Schichten sind so gut wie nicht überliefert", sagt Bachmann. Kein Wunder: Kaum ein Underdog konnte lesen und schreiben.

Ein bedrückendes Bild der einstigen Lebenswirklichkeit beinhaltet nicht zuletzt das traurige Kapitel über die Kindsmörderinnen, deren Zahl überwältigend ist. Die meisten Kindstötungen geschahen aber aus blanker Not heraus. Uneheliche Kinder - Bankerte - waren akzeptiert, solange sie kein ökonomisches Risiko heraufbeschworen.

Der zentrale Wert eines Menschen richtete sich, das zeigt dieses Kapitel drastisch auf, allein nach seiner Arbeitskraft. Diese bestimmte in der bäuerlichen Gesellschaft auch die Auffassung von Moral und Sittlichkeit, Ehre, Pflichten und Rechten. So herrschten im "gemütlichen" Königreich Bayern neben furchtbaren hygienischen Verhältnissen und bedrückender Enge auch unvorstellbar raue Sitten. "Ich bin froh, dass ich nicht in der guten alten Zeit leben musste", sagt Christoph Bachmann.

Christoph Bachmann, Karin Dütsch (Hrsg.): Alte Zeiten, raue Sitten, Underdogs aus Bayerns Geschichte, Volk Verlag, 2014, 248 Seiten, 24,90 Euro.