Erster G8-Jahrgang Aus "nicht bestanden" wird "bestanden"

Der erste G8-Jahrgang in Bayern war ungenügend auf das Abitur vorbereitet: Die schriftlichen Prüfungen fallen so schlecht aus, dass das Kultusministerium nun nachträglich die Standards für die Prüfungen korrigiert - damit mehr Schüler bestehen.

Von Martina Scherf

Jetzt hat sich also bestätigt, was Schüler, Eltern und Lehrer schon lange beklagten: Der erste G-8-Jahrgang war ungenügend auf das Abitur vorbereitet. Anders lässt sich nicht erklären, dass die Ergebnisse der schriftlichen Prüfungen so schlecht ausfielen, dass das Kultusministerium sich buchstäblich in letzter Minute zur Korrektur genötigt sah und die Messlatte niedriger hängte.

Die Schulen möchten die Abitur-Ergebnisse erneut prüfen und neue Mitteilungen an die Schüler schreiben, forderte das Kultusministerium am Mittwoch. Aus "nicht bestanden" wurde dadurch in vielen Fällen "bestanden".

(Foto: Johannes Simon)

Am Mittwoch dieser Woche - am letzten Arbeitstag vor der Rückgabe der Arbeiten - ging bei den Direktoren der Gymnasien im Freistaat ein Schreiben vom Ministerium ein: Die Anforderungen würden korrigiert, die Schulleiter möchten ihre Oberstufenbetreuer doch bitten, die Arbeiten erneut zu prüfen und neue Mitteilungen an die Schüler zu schreiben. Aus "nicht bestanden" wurde in vielen Fällen "bestanden" - die Betroffenen dürften Luftsprünge gemacht haben.

Bisher mussten in zwei von drei Kernfächern - Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache - fünf Punkte erreicht werden - also die glatte Note 4. Jetzt (und in Zukunft) genügt es, wenn der Prüfling in einem Kernfach mindestens fünf Punkte hat. In einem weiteren Kernfach muss er mindestens vier Punkte erreichen. Das Ministerium weicht damit von seiner härteren Gangart ab und schwenkt auf eine Linie ein, die in anderen Bundesländern verfolgt wird und die den allgemeinen Richtlinien der Kultusministerkonferenz entspricht. Die Korrektur bedeutet zwar nur eine Senkung des Niveaus um ein Drittel einer Note, scheint aber doch etliche Schüler gerettet zu haben, wie aus verschiedenen Schulen zu hören ist. Denn gerade Deutsch und Mathe sind die schweren Fächer, in denen jetzt wieder jeder Abitur schreiben muss, und für die die Vorbereitungszeit nach Meinung vieler Lehrer zu kurz war.

Das abrupte Vorgehen von Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) hat Schulleiter und Oberstufenbetreuer verärgert. Schon die Korrekturzeit für das schriftliche Abitur war um drei Tage verkürzt worden, damit die Schüler noch länger Zeit hatten, sich auf die mündlichen Prüfungen vorzubereiten. Und nun auch noch diese "Nacht- und Nebel-Aktion", moniert ein fränkischer Gymnasiallehrer, die beweise "dass das G 8 nicht funktioniert". Er hat Abiturienten in zwei Fächern betreut und ebenso wie seine Kollegen "ohnehin schon schön gefärbt, um den Schülern zu helfen". Ähnliche Stimmen sind aus dem ganzen Land zu hören.

Die Änderung sei mit Eltern- und Lehrerverbänden abgesprochen, hieß es in dem Ministerschreiben. Max Schmidt, der Vorsitzende des bayerischen Philologenverbandes, kann sich allerdings an kein Gespräch erinnern: "Wir wurden eine Stunde vor dem Versand des Briefes in Kenntnis gesetzt." Seine Meinung zu dem Vorgang ist eindeutig: Jetzt räche sich die mangelnde Sorgfalt bei der Einführung des achtjährigen Gymnasiums. Wenn ständig nachjustiert werden müsse, auf was könnten sich dann Lehrer und Schüler noch verlassen? fragt er.