Abhängig von Crystal Speed High bis zum körperlichen Verfall

Halluzinationen, Schlaflosigkeit, totaler Zusammenbruch: In Bayern sind immer mehr Menschen süchtig nach Crystal Speed - einer der aggressivsten Drogen, die es gibt. Was Abhängige über den Horrortrip berichten.

Von Dietrich Mittler

Mit 13 ist Stefans Kindheit vorbei. Im Nachbarort hat gerade die Kirmes begonnen. "Komm, lass uns feiern", sagt sein vier Jahre älterer Kumpel. Oben in seinem Zimmer streut er ein glitzerndes Pulver auf den Tisch, zerdrückt die Kristalle, schiebt sie zu einer dünnen Linie zusammen und hält Stefan (Name geändert) ein zusammengerolltes Papierröhrchen hin. Stefan schnieft das Pulver ein und spürt ein Kribbeln unter der Haut, seine Hände fangen an zu schwitzen.

Er rennt los ins nächste Dorf. "Kirmes im Nachbarort - geil", denkt Stefan. Alles ist geil: die Musik, das Bier, die Mädchen und dann - wann immer das passiert sein mag - das krachende Aufprallen seiner Faust im Gesicht anderer Jungs, die ihm nicht glauben wollen, dass er der Cleverste, der Größte, Stärkste und Geilste ist.

"Das war ein echt gutes Gefühl, ich kriege jetzt schon wieder schwitzige Pfoten, wenn ich nur daran denke", sagt Stefan. Aber die Kirmes ist vorbei. Eben noch im freien Fall, ist seine Achterbahnfahrt zu Ende - neun verschenkte Jahre später. Die Droge hatte den jetzt 22-Jährigen in eine Traumwelt gesperrt. "Das waren keine eigenen Träume, das war wie ein Film, der in mir ablief", sagt er.

Stefan hat die Entgiftung hinter sich, hat sich freiwillig für eine Therapie in der Würmtal-Klinik im oberbayerischen Gräfelfing entschieden. Dort will er lernen, ohne die Droge "Crystal" zu leben. Drei Monate hat er dazu noch Zeit. Dann wird er wieder in die Welt da draußen entlassen, wo noch zwei Gerichtsverfahren wegen Körperverletzung auf ihn warten.

Bayreuth, die "Kristallstadt"

Carlo (Name geändert), den er in der Reha-Einrichtung des Deutschen Ordens kennengelernt hat, spricht aus, was Stefan durch den Kopf geht: "Man kann die besten Therapien machen und muss doch immer Angst davor haben, rückfällig zu werden. Eine Nase voll Crystal, und alles ist kaputt, alle Mühe umsonst."

Bei den Kumpels in seiner Heimatstadt Bayreuth - in der Szene auch "Kristallstadt" genannt - würde Carlo mit solchen Sätzen kaum Gehör finden. Andernorts auch nicht. Die synthetische Droge Crystal ist in Bayern auf dem Vormarsch. "Durch die amerikanische Fernsehserie 'Breaking Bad' hat Crystal auch hier bei den jungen Leuten inzwischen enormes Kult-Potential", sagt Sonia Nunes, die Fachleiterin des Drogen-Präventionsprojektes "Mindzone" in München.

Crystal - benannt nach seiner kristallinen Struktur - funkelt, wenn Licht darauf fällt. "Für viele hat diese Droge einen Glamour-Faktor", sagt Nunes. Und sie ist ergiebig wie keine andere. Durch die Nase inhaliert, tritt die Wirkung von Crystal - auch als "Crystal Speed" oder "Crystal Meth" auf dem Markt - bereits nach fünf bis zwanzig Minuten ein und hält 20 bis 30 Stunden oder gar länger an.

"In Realität hat Crystal mit Glamour nichts zu tun, es ist eine Elendsdroge, die einen körperlich und seelisch völlig auszehrt", sagt Nunes. Nur, das wollen die wenigsten Neukonsumenten glauben. "Ich bin toll, lustig, überlegen, kann wie ein Loch Alkohol saufen und trotzdem die ganze Nacht auf der Tanzfläche durchhalten", so beschreibt Klaus Thieme, der stellvertretende Geschäftsführer der Mudra Drogenhilfe in Nürnberg, die Wirkung, die sich viele Partygänger von Crystal versprechen. Es putscht mehr auf als jedes andere Mittel.