Süddeutsche Zeitung

Abhängig von Crystal Speed:High bis zum körperlichen Verfall

Lesezeit: 7 min

Halluzinationen, Schlaflosigkeit, totaler Zusammenbruch: In Bayern sind immer mehr Menschen süchtig nach Crystal Speed - einer der aggressivsten Drogen, die es gibt. Was Abhängige über den Horrortrip berichten.

Dietrich Mittler

Mit 13 ist Stefans Kindheit vorbei. Im Nachbarort hat gerade die Kirmes begonnen. "Komm, lass uns feiern", sagt sein vier Jahre älterer Kumpel. Oben in seinem Zimmer streut er ein glitzerndes Pulver auf den Tisch, zerdrückt die Kristalle, schiebt sie zu einer dünnen Linie zusammen und hält Stefan (Name geändert) ein zusammengerolltes Papierröhrchen hin. Stefan schnieft das Pulver ein und spürt ein Kribbeln unter der Haut, seine Hände fangen an zu schwitzen.

Er rennt los ins nächste Dorf. "Kirmes im Nachbarort - geil", denkt Stefan. Alles ist geil: die Musik, das Bier, die Mädchen und dann - wann immer das passiert sein mag - das krachende Aufprallen seiner Faust im Gesicht anderer Jungs, die ihm nicht glauben wollen, dass er der Cleverste, der Größte, Stärkste und Geilste ist.

"Das war ein echt gutes Gefühl, ich kriege jetzt schon wieder schwitzige Pfoten, wenn ich nur daran denke", sagt Stefan. Aber die Kirmes ist vorbei. Eben noch im freien Fall, ist seine Achterbahnfahrt zu Ende - neun verschenkte Jahre später. Die Droge hatte den jetzt 22-Jährigen in eine Traumwelt gesperrt. "Das waren keine eigenen Träume, das war wie ein Film, der in mir ablief", sagt er.

Stefan hat die Entgiftung hinter sich, hat sich freiwillig für eine Therapie in der Würmtal-Klinik im oberbayerischen Gräfelfing entschieden. Dort will er lernen, ohne die Droge "Crystal" zu leben. Drei Monate hat er dazu noch Zeit. Dann wird er wieder in die Welt da draußen entlassen, wo noch zwei Gerichtsverfahren wegen Körperverletzung auf ihn warten.

Bayreuth, die "Kristallstadt"

Carlo (Name geändert), den er in der Reha-Einrichtung des Deutschen Ordens kennengelernt hat, spricht aus, was Stefan durch den Kopf geht: "Man kann die besten Therapien machen und muss doch immer Angst davor haben, rückfällig zu werden. Eine Nase voll Crystal, und alles ist kaputt, alle Mühe umsonst."

Bei den Kumpels in seiner Heimatstadt Bayreuth - in der Szene auch "Kristallstadt" genannt - würde Carlo mit solchen Sätzen kaum Gehör finden. Andernorts auch nicht. Die synthetische Droge Crystal ist in Bayern auf dem Vormarsch. "Durch die amerikanische Fernsehserie 'Breaking Bad' hat Crystal auch hier bei den jungen Leuten inzwischen enormes Kult-Potential", sagt Sonia Nunes, die Fachleiterin des Drogen-Präventionsprojektes "Mindzone" in München.

Crystal - benannt nach seiner kristallinen Struktur - funkelt, wenn Licht darauf fällt. "Für viele hat diese Droge einen Glamour-Faktor", sagt Nunes. Und sie ist ergiebig wie keine andere. Durch die Nase inhaliert, tritt die Wirkung von Crystal - auch als "Crystal Speed" oder "Crystal Meth" auf dem Markt - bereits nach fünf bis zwanzig Minuten ein und hält 20 bis 30 Stunden oder gar länger an.

"In Realität hat Crystal mit Glamour nichts zu tun, es ist eine Elendsdroge, die einen körperlich und seelisch völlig auszehrt", sagt Nunes. Nur, das wollen die wenigsten Neukonsumenten glauben. "Ich bin toll, lustig, überlegen, kann wie ein Loch Alkohol saufen und trotzdem die ganze Nacht auf der Tanzfläche durchhalten", so beschreibt Klaus Thieme, der stellvertretende Geschäftsführer der Mudra Drogenhilfe in Nürnberg, die Wirkung, die sich viele Partygänger von Crystal versprechen. Es putscht mehr auf als jedes andere Mittel.

Die am schnellsten abhängig machende Droge

Der 35-jährige Carlo bringt es gnadenlos ehrlich auf den Punkt, was ihn zu dieser Droge trieb: "Ich war mir nur selber wichtig, wollte Party machen, Spaß haben, Weiber rumkriegen und mit dem Dealen viel Geld verdienen", sagt er.

Dass er wegen Drogenhandels und Körperverletzung in Zusammenhang mit Beschaffungskriminalität sieben Jahre seines Lebens im Knast saß, das könnte der 35-Jährige ja noch wegstecken. Doch nicht, was die Kristalle mit ihm gemacht haben. "Das Zeug", habe ihm Jahre seines Lebens gestohlen, sagt Carlo. Sein Gedächtnis hat massiv gelitten - vieles von dem, was in den vergangenen Jahren geschah, ist wie ausgelöscht. Und dann das beklemmende Gefühl, dass die Sucht für den Rest seines Lebens auf der Lauer liegt.

"Crystal ist die am schnellsten abhängig machende Substanz", warnt der Drogenexperte Roland Härtel-Petri. Als die Droge über Bayreuth hereinbrach, nahmen er und seine Kollegen im dortigen Bezirkskrankenhaus den Kampf auf. "Diese Droge macht die Leute wirklich völlig kaputt", sagt Julius Krieg, der Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle der Caritas in Passau.

2010 waren es lediglich zehn seiner Klienten, die Crystal konsumiert hatten. Mittlerweile sind es weit über 100. "Und das ist nur die Spitze des Eisbergs", sagt Krieg.

Der Anblick lässt erschaudern

Die neuesten Erkenntnisse der Polizei alarmieren indes auch das bayerische Innenministerium. "Die Fallzahlen sind deutlich gestiegen", bestätigt ein Sprecher, "von 1138 Fällen im Jahr 2010 auf 1558 Fälle im Jahr 2011." Die bei Polizeikontrollen sichergestellte Menge an Methamphetaminen - das ist die Substanz, die Crystal zu einer der derzeit aggressivsten Drogen überhaupt macht - ist von 5,6 Kilogramm auf 11,7 Kilogramm angestiegen.

Die Drogenermittler des Bayerischen Landeskriminalamtes, die den Kampf gegen Crystal landesweit organisieren, sind zwar froh über jedes halbe Gramm, das bei Kontrollen aus dem Verkehr gezogen wird, doch sie wissen auch, dass - grob gerechnet - nur zehn Prozent der in Umlauf gebrachten Crystal-Menge sichergestellt werden. Die Dunkelziffer beträgt also 90 Prozent. "Crystal Speed ist eine der schlimmsten Drogen, mit denen wir zur Zeit konfrontiert werden, schon allein durch seine verheerenden Auswirkungen auf den Körper", sagt Kriminalrat Joachim Huber.

Julius Krieg ist zwar "gut geerdet", wie er selbst betont. Doch der körperliche Verfall vieler Crystal-Konsumenten in Passau lässt ihn erschaudern. "Einmal sitzt einer bei mir im Beratungszimmer, der geht plötzlich mit seinen Fingern in den Mund rein und zieht vor mir einen Zahn raus", sagt er. "Innen war alles verfault, aber der Süchtige selbst war nicht einmal entsetzt darüber. Wer entsetzt war, das war ich", erinnert sich der 57-Jährige.

Den Grund für das ganze Elend kann er ohne großes Nachdenken benennen: die vielen Drogenküchen und vor allem die Dealer auf den Vietnamesen-Märkten in Tschechien nahe der bayerischen Grenze. "Viele Konsumenten halten sich da bloß eine Viertelstunde auf, besorgen sich den Stoff und kehren dann wieder zurück nach Bayern", bestätigt Drogenfahnder Huber.

Carlo etwa witterte rasch seine Chance, günstig an Stoff zu kommen. Er fuhr rüber nach Eger, ging auf einen Mann zu, der seiner Ansicht nach ganz eindeutig "drauf war". Meist sind die hippelig, können nicht ruhig stehen bleiben, haben oft einen Kaugummi im Mund, sagt er. "Und dann sieht man schon, ob der recht schnell kaut, und wie sich dabei sein Kiefer bewegt - Kiefer-Action oder Gesichtsfasching sagt man dazu in unseren Kreisen", erzählt er und lacht.

Rückfallquote bei 90 Prozent

Der erste Einkauf, der habe ihn wirklich verblüfft. Vor den Augen aller Kunden habe der Verkäufer in seinem Musik-CD-Schuppen das Crystal auf einem Tisch zu einer sogenannten Line aufgehäuft. Und das war völlig reiner Stoff. "Mir hatte es die Hörner aufgestellt, als ich das in die Nase bekam", sagt Carlo.

In den folgenden Jahren nahm er immer größere Mengen mit - und längst nicht nur für sich selbst. "Bei 200 Gramm warst du in Tschechien mit 15 bis 20 Euro dabei, und in Deutschland konntest du das Gramm für 120 bis 130 Euro verkaufen. Da konnte man sich schon ein goldenes Hemd verdienen."

Angst hatte er bei diesen Dealer-Touren nie. Dafür sorgte schon die tägliche Portion Crystal. "Ich habe mir nicht einmal die Mühe gemacht, das Zeug zu verstecken", sagt er. Der Nervenkitzel gab ihm einen Kick, der die Wirkung der Droge sogar noch erhöhte. "Heute würde ich sagen, das war pure Dummheit", sagt er.

Auch Stefan liebte diesen Kick. Die größeren Kumpels schickten ihn, den 13-Jährigen, los, um für sie Crystal zu besorgen. Das war in seinen Augen geil. Doch was er dann irgendwann mitbekam, entsetzte ihn: "Ich wurde immer aggressiver", sagt er, "ich entwickelte mich Scheiße und konnte nichts dagegen tun." Wenn die Droge ihre Wirkung verlor, fiel er in eine Depression. Nahm er sie, so hörte er Handyklingeltöne, wo gar kein Handy war. Er sah überall Menschen, die ihn beobachteten - auch mitten in der Nacht auf menschenleerer Straße. Carlo wiederum hörte Stimmen, die plötzlich mit ihm sprachen. Kein Wunder, sagt er heute, tagelang war er oft wach - einmal sogar 13 Tage am Stück.

"Crystal-Süchtige haben zwar immer das Gefühl, alles im Griff zu haben, doch mit der Zeit werden sie durch massiven Schlafentzug völlig unkonzentriert und fahrig", sagt der Nürnberger Suchtberater Klaus Thieme. Crystal einfach mal auszuprobieren, das sei ein verhängnisvoller Fehler. Wer nachwerfe, um nach durchfeierten Nächten wieder fit für die Arbeit zu sein, der sei bereits in höchster Suchtgefahr.

Fatale Folgen

Die Spätfolgen sind fatal: massiver Gewichtsverlust, Zahnausfall, Magenschmerzen bis hin zum Magendurchbruch. Auch Organblutungen wurden in Extremfällen beobachtet. Vielfach wird bei langem Konsum das Gehirn geschädigt, oft kommt es dann zu paranoiden Wahnvorstellungen. Doch Klaus Thieme hat Hoffnung: "Die meisten ziehen die Reißleine, bevor sie ganz unten aufschlagen", sagt er.

Eine Erfahrung, die auch andere Suchttherapeuten mit ihren Patienten machen. Carlo jedenfalls ist fest entschlossen, der Droge den Rücken zu kehren: "Ich habe jetzt den richtigen Zeitpunkt erwischt, von dem Zeug wegzukommen", sagt er. Was ihn wütend macht: Das wollte er schon vor Jahren, doch da steckte man ihn wegen Drogenbesitzes in den Knast und genehmigte ihm keine Therapie. So landete er wieder bei Crystal. Kein Einzelfall, denn die Rückfallquote bei Crystal liegt bei über 90 Prozent.

Stefan war ebenfalls rückfällig geworden. Die Versuchung, den Stoff wieder so intensiv zu spüren, wie am ersten Tag, war zu groß. Irgendwann schlug er wieder zu - und diesmal mussten die Ärzte das Opfer im Krankenhaus 20 Minuten lang reanimieren. Das allein bewirkte noch keinen Sinneswandel bei ihm. Der kam ganz aus ihm selbst heraus.

Über Stefans Bett hängen Fotos in einer Linie, auf denen ein dreijähriges Mädchen mit großen Augen in die Welt blickt - seine Tochter. Und diese Linie, da ist sich Stefan ganz sicher, ist der Schlussstrich unter seine Suchtkarriere.

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Quelle:
SZ vom 27.02.2012/sonn
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