Renaissance der Tram Moderne Bahnen bleiben ohne Strom nicht sofort stehen

Neuentwicklungen sollen dafür sorgen, dass die Stromnetze nicht zusammenbrechen. Künftig könnten die Bahnen auch dann, wenn die Energieversorgung ausfällt, noch genug Saft haben, um zumindest noch aus einem Tunnel herauszukommen und die nächste Kreuzung nicht zu blockieren. Der Elektrokonzern Siemens demonstrierte das bereits vor einigen Jahren dort, wo die Bevölkerung es gewohnt ist, dass wegen Überlastung des Stromnetzes und kurzfristiger Lastspitzen des Öfteren die Lichter ausgehen: Im US-Bundesstaat Kalifornien statteten die Ingenieure Haltestellen und Streetcars, die dortige Version der Straßenbahn, mit Kurzzeitspeichern, sogenannten SuperCaps, aus. Die funktionieren wie Kondensatoren von Blitzlichtgeräten, die für den kurzen Augenblick der Entladung beträchtliche Energien freisetzen. In den Streetcars, die in Sacramento verkehren, fangen sie die Stromspitzen auf, die beim Anfahren der Schienenfahrzeuge von den Elektromotoren benötigt werden.

Bombardier baut seit einiger Zeit mit solchen Superkondensatoren ein System namens Mitrac aus. Dort arbeiten die Motoren beim Bremsen als Generator. Sie speichern die dadurch erzeugte Energie in Doppelschichtkondensatoren, um sie beim Beschleunigen wieder zu nutzen. Nach Firmenangaben sind dadurch Energieeinsparungen von bis zu 30 Prozent möglich. Seit einigen Jahren ist das System in Mannheim und im Rhein-Neckar-Verkehrsverbund in Erprobung.

Andere, etwa in Augsburg, brauchen gar keine Oberleitung mehr. Sie werden berührungsfrei, induktiv und aus dem Untergrund mit Strom versorgt. Das funktioniert mit einer Art Transformator, der den Luftspalt zwischen Fahrzeug und Fahrbahn überbrückt. Der TÜV Süd attestierte einem Pilotversuch in der Fuggerstadt, bei dem die Fahrzeuge über beträchtliche Feldstärken mit Strom versorgt werden, elektromagnetische Verträglichkeit. Herzschrittmacher von Passanten, die Fahrzeugelektronik querender Autos oder auch der Mobilfunkempfang würden demzufolge nicht gestört. Neue Fahrzeug-Generationen kommen zudem auf leiseren Sohlen daher, schallgedämpft und lärmreduziert.

Einmal quer durch München - ohne Strom

Um einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde ging es, als vor einiger Zeit auf einer Teststrecke unweit des Oder-Havel-Kanals streng kontrolliert wurde, ob eine Tram aus München genug Saft haben würde, um mehrere Kilometer zurückzulegen, ohne aus einer Oberleitung mit Strom versorgt zu werden. Eine Lithium-Ionen-Batterie war dabei behilflich. Einen Kilometer hätte die Tram mindestens schaffen müssen, um zu beweisen, dass mit ihr der Englische Garten durchquert werden könnte, ohne den größten Park der bayerischen Landeshauptstadt mit Oberleitungsmasten und Drähten verschandeln zu müssen. Tatsächlich kam sie auf 19 - genug, um die ganze Stadt zu durchqueren.

Verkehrswissenschaftler Beitelschmidt sieht nun den nächsten Schritt darin, dass in Deutschland "zumindest abschnittsweise" in immer mehr Fußgängerzonen und historisch bedeutsamen Altstadtbereichen der Drahtverhau der Oberleitungen entfallen könnte. Für Wolfgang Meyer, Ex-Vorstand der Essener Verkehrsbetriebe und heute als Berater in Sachen ÖPNV tätig, sind gar die Zeiten vorbei, in denen der Schienenverkehr unter die Erde verlegt werden muss. Kaum etwas sei so anregend wie ein Schaufensterbummel von der Straßenbahn aus. Das steigere auch die Attraktivität der Citylagen - im Gegensatz zu immer mehr Einkaufszentren und Outlets, die auf der grünen Wiese entstünden und allenfalls einen günstigen Anschluss an die Autobahn hätten.